wir für rerik

verkehrsfreie Halbinsel Wustrow

 

 Autokorso gegen Durchfahrt durch Rerik zur Halbinsel Wustrow.

Reriker Bürger blockieren Zufahrt zur Halbinsel Wustrow.

Sowjetsoldaten verlassen die Halbinsel Wustrow.

TLG will die Halbinsel Wustrow verkaufen.

Halbinsel Wustrow ist gesperrt.

Die Halbinsel Wustrow wird international zum Verkauf durch die TLG ausgeschrieben.



Neben der Archi Nova Gruppe stellt nun die Haschtmann Fundus Gruppe ihr Konzept vor.




Viele Kaufinteressenten für die Halbinsel Wustrow.

Die Halbinsel Wustrow wird an Fundus verkauft.

Entgegen dem Votum des Vergabeausschusses und den Plänen der Gemeinde Rerik wurde die Halbinsel Wustrow an die Fundus Gruppe verkauft.

 

taz: Halbinsel Wustrow 

Artikel aus "taz vom 28.02.1998"

Das Bonbon am salzigen Haff

Einer naturgeschützten Ostseehalbinsel vor Rerik droht das gleiche Schicksal wie anderen Ökoreservaten in den neuen Ländern: Sie werden vom Bund zur Sanierung des Haushalts rücksichtslos verkauft  ■ Von Uta Andresen

Das da drüben ist unser Juwel.“ Meint der Vogelkundler etwa die Pappeln, Eichen, Weiden? Oder das kniehohe Wasser zwischen entwurzelten, toten Stämmen? Klaus Große sagt: „Da brütet der Seeadler. Und da...“ Er schwenkt seinen Arm lässig und deutet auf ein Sandkliff über der Ostsee ein paar hundert Meter weiter: „...da wächst das Breitblättrige Knabenkraut.“ Eine Orchideenart, die auf der roten Liste vom Aussterben bedrohter Arten steht. Der Mann, das Fernglas vor der Brust, setzt die Pausen wohl dosiert. Wie einer, der weiß, daß er Eindruck schinden kann.

Jetzt fürchtet der kleine Mann mit den grauen Haaren, daß er bald nichts mehr zu zeigen hat. Die knapp tausend Hektar große Halbinsel Wustrow am Salzhaff bei Wismar ist verkauft. Für zwölf Millionen Mark hat der Bund, Eigentümer des einstigen Militärgeländes, seine Besitzrechte abgetreten.

Schilfgürtel, Salzwiesen und Dünen gehören seit Anfang Februar dem Kölner Immobilienfonds Fundus. Und der will auf der Landzunge bauen. 400 Wohnungen auf rund 300 Hektar. Ein Reiterhof und ein Achtzehnlochgolfplatz. Und nebenan der Adlerhorst.

Ostseebad Rerik. In diesen Tagen hat sich der tourismusträchtige Titel irgendwo zwischen Motorbooten (kieloben) und dem Kiosk „Sturmeck“ (geschlossen) verdrückt. Ein Bauarbeiter steht mit der Schaufel auf der Schotterpiste, die den Reriker Strand mit der Landzunge Wustrow verbindet. Es stinkt nach Teer. Bedächtig füllt der Mann die Löcher im Kies. Er hat sichtlich noch viel vor.

Wenige Löcher danach ist Schluß. Eine Betonmauer und ein Metalltor verhindern die Weiterfahrt. Auf die Mauer hat jemand „Alles hat seine Zeit“ gesprüht. Das Tor beäugt ein privater Wachdienst von einem Container aus. „Da kann man nicht durch.“ Eine Blondierte steht neben ihrem Wartburg und schraubt an einer rosa Thermoskanne. Nachsaisonerfahren die Frau. „Auf Wustrow, da waren früher die Russen. Jetzt kommt da so 'n Feriencenter.“ Sagt es und nimmt einen Schluck.

Ein Drama sei der Verkauf, sagt Klaus Große. „Ich dachte immer, das ist ein Vorteil, wenn der Bund der Eigentümer von Wustrow ist – dachte, das ist ein Vorteil für die Natur.“ Steht doch der Großteil der Halbinsel seit 1992 unter dem Schutz der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union. Und liegt Wustrow nicht in der Wismarer Bucht – einem international anerkannten Vogelschutzgebiet? Einen höheren Schutzstatus könne ein Gebiet eigentlich nicht haben. Neuntöter, Sperbergrasmücke, Wechselkröte. Sogar Meerkohl wächst am Ufersaum. Über dreißig gefährdete Arten haben hier am Salzhaff ihr Refugium gefunden.

Was derzeit mit der Halbinsel Wustrow geschieht, ist unter dem Stichwort „Ausverkauf des Tafelsilbers“ bekannt geworden. So bezeichnete vor sieben Jahren der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer die Naturschutzgebiete in den neuen Ländern. Dieses Geflecht aus Nationalparks, Biosphärenreservaten und Naturparks gesetzlich zu verankern verdankt sich einem Coup engagierter Umweltschützer. Im Herbst bekam der Greifswalder Botaniker Michael Succow dafür den Alternativen Nobelpreis.

Zur gleichen Zeit begann das Bundesfinanzministerium seine Ländereien in den Schutzgebieten zu verkaufen. Im Nationalpark Müritz zwei Waldgebiete aus der strenggeschützten Kernzone; im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin ein Gebiet mit mehreren See- und Fischadlerhorsten; im Naturpark Uckermärkische Seen Flächen, die Naturschützer als Totalreservate eingestuft hatten. Neuerdings läßt der Bund seinen Waldbesitz im Thüringer Hainich vermessen – vielleicht läßt sich ja was verhökern, frotzelt man beim Naturschutzbund Deutschland.

Der Auftrag des Bundes an die Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) ist eindeutig: Verkaufen! Knapp 20.000 Hektar Naturschutzgebiete stehen zum Verkauf. Kleinere Naturschutzgebiete wie die Halbinsel Wustrow führt die BVVG nicht in ihrer Statistik.

Theo Waigel beruft sich bei dem Verkauf auf einen Passus im Haushaltsrecht. Der besagt, daß der Bund alles Vermögen, was er nicht zur Ausübung seiner Aufgaben benötigt, verkaufen muß. So soll der Haushalt von unnötigen Ausgaben entlastet werden.

Dazu gehört die Halbinsel Wustrow, von der der Leiter des Bundesvermögensamtes in Schwerin sagt, sie sei das „Bonbon“ unter den zu Verkauf stehenden Bundesflächen. 1996 startete die Treuhand Liegenschaftsgesellschaft im Bundesauftrag die Ausschreibung. Mit einer Broschüre (Titel: „Catch your Island“) pries sie ein knapp 300 Hektar großes Flurstück weltweit an. Dazu gehörten die einstige Nazikasernenstadt und eine Fläche, die unter Landschaftsschutz steht.

Als Ende Januar eine Bundestagsabgeordnete sich beim Bonner Finanzministerium erkundigte, wie es denn um den Verkauf stehe, wurde bekannt, daß der Bund zusätzlich auch das 600 Hektar große Naturschutzgebiet verkaufen wird.

Werner Blume ordnet seine Papiere. Mit der Akte Wustrow hat sich der stellvertretende Bürgermeister von Rerik in den letzten Monaten häufig beschäftigt. So oft, daß er gar nicht mehr hinsehen muß, wenn er ein Schreiben aus der Mappe angelt. Wenn Blume von dem Verkauf erzählt, kommt Bewegung in den gemütlichen Mann. Die Gemeindevertretung Rerik erfuhr erst aus der Zeitung von dem Deal zwischen Fundus und Bund. „Wir wurden übergangen“, knurrt Blume.

Dabei hätte die Gemeinde die Planungshoheit für die Halbinsel. Und die Kommunalpolitiker hatten sich mehrheitlich nun einmal für einen anderen Investor ausgesprochen. Ihr Favourit, die Archi- Nova-Gruppe, wollte auf der Halbinsel ein ökologisches Modellprojekt aufbauen. „Zukunftsinsel Wustrow“. Geplant war sanfter Tourismus, ökologischer Landbau und ein biologisches Forschungszentrum. Keine Autos, Fähre mit Solarantrieb und Niedrigenergiehäuser. Blume läßt ärgerlich die Hand auf die Papiere vor ihm fallen. „Noch zwei Tage vor dem Verkauf wurde Archi Nova im Glauben gehalten, sie wäre im Rennen. Da wurde doch mit gezinkten Karten gespielt.“

Michael Rabe kann den Aufstand in Rerik gar nicht verstehen. Der Sprecher der Fundus-Gruppe sagt, die Verhandlungen seien normal verlaufen. Und im übrigen seien die Auflagen des Bundes eindeutig. Auf dem geschützten Teil der Halbinsel sei keine Nutzung vorgesehen, die über den „jetzigen rechtlichen Status“ hinausgehe. „Wir kaufen nicht die Insel nach dem Motto: So und jetzt gucken wir mal, was wir damit machen“, sagt der Fundus- Sprecher. Und dann: „Auf Wustrow wird eine Interessenabwägung stattfinden zwischen Mensch und Natur.“

Daß dabei die Natur das Nachsehen hat, befürchtet Klaus Große. Was ihm Sorgen macht, sind die militärischen Altlasten auf der Halbinsel. Wenn der Vogelkundler für seine Kartierungen auf die Landzunge möchte, braucht er eine Sondergenehmigung. 1933 kaufte die Reichswehr Wustrow und baute dort eine Flakartillerieschule. Die Halbinsel eignete sich prima für Schießübungen auf See. Nach den Nazis entdeckte 1949 auch die sowjetische Armee das Exerziergelände und zog mit Panzern und Raketen in die weißen Kasernenhäuschen. Seitdem gilt Wustrow beim mecklenburg-vorpommerschen Landesamt für Katastrophenschutz als „kampfmittelverseuchtes Gebiet“. Das brachte der Landzunge bei Bild die Zeile „Die Todesinsel“ ein. Insbesondere Sprengstoffe und Zünder sollen dort liegen.

Und die will die Fundus-Gruppe geräumt wissen, bevor sie ihre Gäste auf die Halbinsel läßt. Die Sicherheit der Menschen müsse schließlich gewährleistet werden. Aber natürlich, sagt Fundus-Sprecher Rabe, werde man den geschützten Teil der Landzunge nur in Absprache mit dem Naturschutz räumen. In welchem Umfang, das sei noch nicht klar.

Wie so eine Munitionsberäumung aussieht, verrät ausgerechnet der Verkaufskatalog. Ein Foto zeigt die einstige Nazigarnisonsstadt nach der Beräumung 1996. Meterhohe graubraune Erdwälle türmen sich hintereinander, auf rund hundert Hektar steht kein Grashalm mehr. Das gleiche befürchtet Große nun auch für das Naturschutzgebiet. „Die pflügen die ganze Halbinsel einen Meter tief um.“

Die Kosten dafür übernimmt der Bund. In einem Schreiben des Bundesfinanzministeriums heißt es: „Soweit Munitionsberäumung im Naturschutzgebiet möglich und notwendig ist, übernimmt der Bund begrenzt auf drei Jahre und bis zur Höhe des Kaufpreises die Kosten.“ Die Landzunge sei ein Schnäppchen für Fundus, meint Kommunalpolitiker Blume. Mit Munitionsberäumung inklusive gingen die Kosten endgültig gegen Null. Blume wischt mit der Hand über den Tisch. „Die Kaufsumme steht doch nur auf dem Papier.“

In Rerik ist man sauer. So sehr, daß der Gemeinderat schon erwog, gesammelt zurückzutreten. Bei ihrer Kritik wissen sich die Reriker in guter Gesellschaft. Bundesumweltministerin Angela Merkel reagierte verschnupft auf den Verkauf der Landzunge. Der Vorgang sei ein Negativbeispiel, gab Merkel öffentlich kund.

Eine Chance, ihre Zukunftsinsel doch zu verwirklichen, sehen die Küstenbewohner noch. Geschäfte des Bundes über zehn Millionen Mark muß der Bundestag absegnen. Und da müßte dann auch endlich der Kaufvertrag offengelegt werden. Blume wedelt mit seinen Papieren. „Und dann werden wir prüfen, ob die Interessen der Kommune, des Kreises, des Landes und die Naturschutzrichtlinien der EU genügend berücksichtigt wurden.“

Klaus Große ist mit der Halbinsel alt geworden. Vor dreißig Jahren durchstreifte er das erste Mal die Landzunge vor Rerik – mit einem Militärposten an der Seite. Die sowjetischen Soldaten brauchten den gelernten Tierarzt für den kaserneneigenen Schweinebestand. Damals sah er auch den Sandhagen, die schmale Nehrung am Ende der Halbinsel, zum ersten Mal. Der Hobbyornithologe war begeistert. „Da brüten haufenweise Limikolen.“ Viele dieser Wattvögel sind heute geschützt, wie der Sandregenpfeifer oder die selten gewordene Zwergseeschwalbe.

Als die letzten Reste der sowjetischen Armee gegangen waren, sah Vogelschützer Große seinen Sandhagen schon als Reservat. Statt dessen kommen die Kölner Investoren. Da sei es doch blauäugig, sagt Große, zu glauben, daß alles so bleibe, wie es ist. Er tastet mit dem Fernglas noch einmal die Bucht am Salzhaff ab. „Eine Gruppe von Gänsesägern.“ Dann stapft der Vogelmann zurück nach Rerik. Auf explosive Munition ist er bei Streifzügen wie diesem noch nie gestoßen. Nur auf verrostete leere Patronenhülsen.


   Berliner Zeitung vom 22.05.1998 

  1. Die Ostseegemeinde Rerik will sich mit dem Verkauf der Halbinsel Wustrow an die Kölner Fundus-Gruppe nicht abfinden: REPEin stilles Eiland hinter Stacheldraht


Die Ostseegemeinde Rerik will sich mit dem Verkauf der Halbinsel Wustrow an die Kölner Fundus-Gruppe nicht abfinden REPEin stilles Eiland hinter Stacheldraht

  • Von

  • Frank Nordhausen
  •  22.05.98, 00:00 Uhr


RERIK, im Mai. Die Welt in Rerik endet an einer Mauer. "Betreten strengstens verboten Explosionsgefahr", warnt ein Schild in roter Schrift. Seit fünfzig Jahren schon trennen Beton und Drahtzaun das Ostseebad nahe Wismar von einer tausend Hektar großen Landzunge namens Wustrow. "Hier beginnt die verbotene Zone", sagt Heike Hollmann. Für fünf Mark Eintritt führt die junge Frau Touristen in die Welt jenseits der Mauer. Durch eine Allee von Pappeln geht es bis zur verlassenen Garnison, aus der 1993 die letzten von einst 3 000 sowjetischen Soldaten abrückten. Seitdem haben Tausende Besucher die verfallenen Gebäude, die von Gras und Wildblumen überwucherten Exerzierplätze, die verlassenen Schlaf-, Geschäfts- und Gefängnisräume besichtigt. Hinter der Geisterstadt liegen Felder, Wiesen und ein Naturschutzgebiet von 670 Hektar, wo Seeadler, Sperbergrasmücken und Neuntöter brüten.Das alternative KonzeptEs ist schön in Wustrow. So schön, daß die Investoren Schlange standen, als die Rostocker Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft (TLG) das Ostseejuwel 1996 weltweit zum Verkauf anpries. "Catch your Island", hieß der Lockruf. Von mehr als hundert Interessenten blieben am Schluß drei übrig; und den Zuschlag bekam am 5. Februar dieses Jahres die Kölner Fundus-Gruppe. Fundus ist bekannt für seine Fondsgesellschaften, die exklusive Bauten wie das Adlon-Hotel und die Friedrichstadt-Passagen in Berlin errichten. In der einst verbotenen Zone wollen die Kölner auf rund 190 Hektar eine Wohn- und Ferienanlage für 2 000 Leute bauen, dazu einen Reiterhof und einen 18-Loch-Golfplatz.Gut für Fundus aber auch gut für Rerik? "Nein", sagt Bürgermeister Wolfgang Gulbis. Seit dem Rostocker Abschluß befindet sich seine Gemeinde im Streit. Im Streit mit der TLG, im Streit mit dem Bundesvermögensamt und überhaupt mit "denen in Schwerin und Bonn". "Sie haben Wustrow verschenkt", ärgert sich Gulbis. Er fährt mit dem Finger über die Landkarte an der Wand des Ratssaales. "Und das komplette Naturschutzgebiet dazu!" Der 39jährige klagt, Fundus wolle in Wustrow "luxusmäßig" bauen. "Aber wo sollen denn all die Golfspieler herkommen?"Bürgermeister Wolfgang Gulbis und seine Stadtverordneten wollen sich mit dem Verkauf der Halbinsel Wustrow an die Kölner Fundus-Gruppe nicht abfinden. Immerhin hatten sie bis 1994 noch darauf spekuliert, den Schatz vor ihrer Haustür selbst zu heben bevor das Bundesvermögensamt seine Ansprüche auf das Gebiet geltend machte. "Es waren natürlich erhebliche Hoffnungen vorhanden", sagt der Bürgermeister. Wie an der gesamten Küste richten sich die Erwartungen der 2 090 Einwohner vor allem auf den Tourismus auf den "sanften Tourismus".Wer nach Rerik kommt, sucht Ruhe und Ferien auf dem Land, glaubt der Bürgermeister. "Man parkt den Daimler um die Ecke und holt die Jeans raus", sagt er. Es gibt im Ort nur ein Hotel, aber viele Privatquartiere, die im vergangenen Jahr etwa 250 000 Gäste beherbergten. Mit Bundesmitteln hat die Gemeinde eine Seebrücke, Strand-WCs und eine Aussichtsplattform auf den Dünen angelegt. Immer mit Blick auf Wustrow, denn von der Entwicklung der Halbinsel versprach sich Rerik vor allem eines: Arbeitsplätze, Arbeitsplätze, Arbeitsplätze. Nun herrscht Katerstimmung im Rathaus die Gemeinde hat auf eine andere Karte gesetzt. Sie bevorzugte das Konzept der Firma Archi Nova aus Stuttgart, die 300 Arbeitsplätze in einer autofreien "Zukunftsinsel Wustrow" verhieß. Wie Fundus wollten die Schwaben zwar für rund 300 Millionen Mark Wohnungen bauen und verkaufen, aber im Gegensatz zum Kölner Konkurrenten mit alternativer Energieerzeugung, biologischer Landwirtschaft und einer solargetriebenen Fähre über das Salzige Haff.Die ökologischen Projektentwickler leisteten geduldige Überzeugungsarbeit und fanden Anklang für ihr Projekt einer "Symbiose von Mensch und Natur" wohl nicht zuletzt, weil sie eine enge Kooperation mit der Stadt versprachen. Im März 1997 setzte der sogenannte Vergabeausschuß von Vertretern der Gemeinde, der Treuhand, der Ministerien und der Wirtschaft Archi Nova auf Platz eins der Investorenliste vor Fundus."Und dann wurde Wustrow bei Nacht und Nebel an Fundus verkauft", empört sich Wolfgang Gulbis. Bis zuletzt habe man Archi Nova im Glauben gelassen, doch noch zum Zuge zu kommen schließlich hatten sich die Schwaben zur Stärkung ihrer Finanzkraft Ende letzten Jahres mit der auf Platz drei gesetzten Investorengruppe Lion-Bau aus Mülheim-Kärlich zusammengetan. "Wir können es zwar nicht beweisen, aber es war wohl nie das Ziel, an jemand anderen als Fundus zu veräußern", sagt Gulbis. Es klingt, als habe einmal mehr der herzlose Kapitalismus über das allgemein Gute gesiegt.Bei der Rostocker TLG hört sich das prosaischer an: Archi Nova habe im vergangenen Sommer die Finanzierung des Projekts in Höhe von zunächst 40 Millionen Mark nicht nachweisen können. Deshalb habe man auftragsgemäß die Verhandlungen mit der auf Platz zwei gesetzten Fundus-Gruppe aufgenommen. Ein Sprecher gibt zu, daß die Verhandlungen mit Archi Nova fortgesetzt wurden, um ein Gegengewicht zu Fundus zu haben eine nicht unübliche Praxis.Vorwürfe und GerüchteDas Gestrüpp der gegenseitigen Schuldzuweisungen und Verdächtigungen beim Verkauf von Wustrow ist dennoch schwer zu lichten. Die einen sagen, da hätten mal wieder die "Wessis" geschoben. "Sie müssen sich vor Augen halten, daß der Leiter der Rostocker TLG ein Studienfreund von Fundus-Chef August Anno Jagdfeld ist", sagt Reriks Bürgermeister Wolfgang Gulbis.Seine Widersacher kolportieren, beim Zusammenspiel zwischen der Stadt und Archi Nova sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Bereits im Vorfeld seien Grundstükke verteilt und Einflußsphären abgesteckt worden. "Von unserer Seite hat es so was nicht gegeben", erklärt dazu Archi-Nova-Geschäftsführer Gerd Hansen. Und auch bei Fundus heißt es: "Niemand ist mit dem Scheckbuch herumgelaufen!" Im vergangenen Sommer kamen dann Gerüchte auf, Archi Nova sei mit einer Sekte verbandelt, was sich schnell als haltlos erwies. SPD-Mann Gulbis wittert hinter diesem und ähnlichem "Störfeuer" vor allem den politischen Gegner. Der CDU-Kreisvorstand in Bad Doberan habe die Verhandlungen mit Archi Nova hintertrieben, meint er, "weil wir eine rote Insel im schwarzen Meer darstellen". Natürlich weist der örtliche CDU-Landtagsabgeordnete Christoph Brandt dies zurück, aber seine Antipathien kann er nur schwer verhehlen: "Humus-Klos und Erdhäuser sind keine Alternative. Es muß Geld reinkommen, und das kommt nicht von Wanderern und Radfahrern." Nun mag man den Stuttgarter Öko-Bauherren vieles vorwerfen, aber mit Geld können die Schwaben umgehen. Auch bei der TLG gilt Archi Nova als "unbestritten seriös". Die Firma hat umweltfreundliche Wohnsiedlungen auf Usedom und im sächsischen Hohnstein errichtet und baut zur Zeit Deutschlands erstes Öko-Kaufhaus in einer alten Mühle bei Stuttgart ein 40-Millionen-Projekt, das laut Geschäftsführer Hansen bereits "komplett vermietet" ist. "Da wird ein Umsatz von 30 Millionen angepeilt, und den erreicht man nicht, wenn man nur Ökofreaks anspricht", sagt er.Daß umgekehrt Fundus in finanziellen Schwierigkeiten sei, läßt sich ebensowenig belegen. Doch im Reriker Rathaus stellt man es so dar: Fundus sei pleite und wolle lediglich sein Luxus-Bad im nahen Heiligendamm vor unliebsamer Konkurrenz schützen, indem Wustrow "pro forma" gekauft und dann quasi "auf Eis gelegt" werde. Ist denn Heiligendamm nicht der Beweis für die Finanzschwäche der Kölner? Schließlich verfällt die "weiße Stadt am Meer", obwohl schon im letzten Herbst dort gebaut werden sollte!Der Fundus-Sprecher Michael Rabe nimmt die Vorwürfe gelassen. In Heiligendamm fehlten bislang die Bebauungspläne und Genehmigungen, doch Ende des Jahres gehe man sicher an den Start. Das übrige Gerede sei "abwegig": "Es wäre ein teures Vergnügen, für Wustrow zwölf Millionen zu bezahlen, um dann nichts zu tun. Heiligendamm ist exklusiv, Wustrow eher still beide Projekte ergänzen sich." Mit der Gemeinde Rerik werde man schon einig werden. "Was die jetzt dort veranstalten, ist auch ein bißchen Theaterdonner."Henning Klostermann, umweltpolitischer Sprecher der SPD im Schweriner Landtag, nennt jedoch den Verkauf des wertvollen Naturschutzgebietes "einfach skandalös": "Im Bayrischen Wald wäre so was nicht passiert." Fundus hatte dies aber zur Kaufbedingung gemacht, da der Bund sich nicht bereit erklärt habe, das Gelände von der Munition zu beräumen, die man im Boden vermutet. Drei Millionen Mark aus dem Kaufpreis sollen dafür aufgewendet werden.Was Beräumung heißt, kann man direkt hinter der Wustrower Mauer besichtigen Erdlöcher, Sandberge, kurz: Wüste. "Das Gelände wird zwei Meter tief umgegraben", sagt Klostermann, "dann ist es kein Naturschutzgebiet mehr und kann bebaut werden. Die einzigartige Flora und Fauna wird dem Kommerz geopfert.""Unsinn", entgegnet Fundus-Sprecher Michael Rabe. Man wolle nur Gebiete am Strand und im Wald beräumen, die für Surfer und Wanderer leicht zugänglich sind, und auch das nur in Abstimmung mit dem Naturschutz. "Eine Bebauung kann es im Naturschutzgebiet nie geben. Wer die Rechtslage kennt, weiß das."Hoffen auf den Bundestag.Im Fall Wustrow hat das letzte Wort nun der Haushaltsausschuß des Bundestages, der am kommenden Mittwoch tagt. Henning Klostermann schrieb Ende April sogar an den Bundeskanzler: Er möge doch sein Veto gegen den Verkauf des Naturschutzgebietes einlegen. Bürgermeister Gulbis hofft auf ein "Nein" der Abgeordneten, sieht aber noch eine Lösung. "Wir haben der TLG angeboten, den Vertrag von Fundus zu übernehmen und legen sogar noch 500 000 Mark drauf", sagt er. "Dann verwirklichen wir das Konzept, das wir gut finden. Wir haben auch Banken, die das finanzieren." Flankierend sammelt eine Bürgerinitiative in Rerik Unterschriften gegen die Kölner Investoren. Auch eine Klage wird erwogen. Doch ob Archi Nova oder Fundus den Arbeitslosen in der kleinen Stadt ist das Tauziehen mehr oder weniger egal. "Hauptsache, es passiert überhaupt irgendwas", sagt ABM-Kraft Heike Hollmann, die Fremdenführerin in der Geisterstadt von Wustrow.


Strafanzeige gegen den Verkauf der Halbinsel Wustrow


Junge Welt: Strafanzeige gegen Wustrow-Verkäufer, Ausgabe vom 26.06.1998

Ostseebad Rerik: Widerstand gegen Verscherbelung des NSG

Von Sven Ehling

Das mecklenburgische Ostseebad Rerik besteht auch nach der am Dienstag erfolgten Genehmigung des Verkaufs der Halbinsel Wustrow - inklusive Naturschutzgebiet (NSG) - durch den Bonner Haushaltsausschuß auf seinem Vorkaufsrecht. Damit werde dem mehrheitlichen Willen der Reriker Rechnung getragen, sagte Bürgermeister Wolfgang Gulbis. Das »Aktionsbündnis für Wustrow« habe Strafanzeige gegen das Bundesvermögensamt und die bundeseigene Treuhandliegenschaftsgesellschaft gestellt. Es werfe beiden Untreue gegenüber der Bundesrepublik vor, da sie nicht das höchste Gebot berücksichtigt hätte. Käufer der Halbinsel ist die Kölner Fundus-Gruppe.

Der Haushaltsausschuß hatte den Verkauf genehmigt, weil andere Bieter angeblich weder über genügend Geld noch über ein realisierbares Konzept verfügen. Für Oswald Metzger, den haushaltspolitischen Sprecher von Bündnis 90/Grünen, ist das »ein Trauerspiel«, damit habe sich der Ausschuß als Kontrollinstanz des Bundes lächerlich gemacht. Sämtliche Informationen über den »skandalösen Verlauf des Vergabeverfahrens haben die Haushälter der Koalition unbeeindruckt« gelassen. Selbst gezielt gestreute Diffamierungen des Konkurrenzinvestors seien argumentativ verwendet worden. Damit habe man den Menschen im Osten nur eines bewiesen: »Kontakte muß man haben.«

Dabei ist gerade die Fundus-Gruppe in letzter Zeit arg umstritten. An der Ostseeküste hatte sich Fundus-Chef Anno August Jagdfeld mit dem nahezu kompletten Aufkauf des Seebades Heiligendamm, das zu DDR-Zeiten Kurkliniken für Haut- und Atemwegserkrankungen beherbergte, kaum Freunde gemacht. Noch kein Baugerüst steht an einer der 26 klassizistischen Villen, aus denen sämtliche Mieter vertrieben worden sind. Den Grund vermutet der »Spiegel« in einer argen Finanznot des Investors. Gerade einmal 50 der 400 versprochenen Millionen Mark habe Jagdfeld zusammenbekommen - eine Subvention des Bundes und des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Auf Wustrow will Jagdfeld jetzt ein Fünf-Sterne-Hotel, eine 18-Loch-Golf- Anlage und viele teure Wohnungen bauen.

Die Anleger mit den benötigten 200 Millionen Mark dürften auch für das Wustrow-Vorhaben der Fundus-Gruppe nicht gerade Schlange stehen. Die Rendite des »Fundus Fonds 34 Grand Hotel Heiligendamm« ist jedenfalls alles andere als üppig. Für die Mindestanlage von 100 000 Mark erhalten die Anleger nur eine Ausschüttung von 2 000 Mark. Die Fundus-Gruppe errechnete dagegen einen persönlichen »Anlegernutzen« von 5,8 Prozent. Dazu müssen die Anleger allerdings jedes Jahr im Grand Hotel absteigen, wo sie einen Preisnachlaß zwischen 30 und 60 Prozent auf die durchschnittlich 500 Mark teuren Zimmer bekommen. Und so wirbt Fundus im Fondsprospekt um Investoren, »die nicht nur an die Rendite denken«.


Mit diesen vagen Hoffnungen will sich die Reriker Bevölkerung nicht zufriedengeben und präferiert statt dessen für die Halbinsel Wustrow das Konzept der Stuttgarter Gruppe Archi Nova, das einen »sanften Tourismus« vorsieht. Im Gegensatz zur Fundus-Gruppe erhebt Archi Nova auch keinen Anspruch auf die geschützte Fläche auf der 1 000 Hektar großen Halbinsel, ein 700 Hektar umfassendes Naturschutzgebiet. Den Miterwerb der geschützten Fläche hatte Fundus zur Kaufbedingung gemacht, angeblich nur, um es von Minen räumen zu können.

Auch im Schweriner Landtag regt sich mittlerweile in allen Fraktionen Widerstand gegen das Projekt der Fundus- Gruppe; selbst Landwirtschaftsminister Martin Brick schickte einen Protestbrief gegen den Verkauf der Naturschutzfläche nach Bonn. Der umweltpolitische Sprecher der SPD, Henning Klostermann, warf der CDU-Landesvorsitzenden, Bundesumweltministerin Angela Merkel, vor, sie habe nach anfänglicher Zusicherung, beim Bund gegen den Verkauf zu votieren, offensichtlich kapituliert.

Reriks Stadtverwaltung hat noch nicht aufgegeben. Schließlich könne Fundus ohne sie nichts machen, da Baurecht immer von der zuständigen Kommune geschaffen werden müsse.


© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de    28/98 03. Juli 1998

    

Halbinsel Wustrow: 1000 Hektar Landschaft werden zur Immobilie
Sansibar im Schlußverkauf
von ThorstenHinz

Das mecklenburgische Ostseebad Rerik und die Halbinsel Wustrow, ein paar Kilometer nordöstlich von Wismar gelegen, sind ein Idyll. Weil Idyllen es an sich haben, aus der Welt zu fallen, finden Sehnsüchte in ihnen kein Ende, sie beginnen hier erst richtig. Als der junge Alfred Andersch 1938 an der Ostseeküste entlangwanderte, empfand er "eine Art magische Qualität" dieser Gegend. Zwanzig Jahre später wurde Rerik Schauplatz seines in der NS-Zeit spielenden Romans "Sansibar oder der letzte Grund", in dem es heißt: "Man mußte Rerik verlassen, erstens, weil in Rerik nichts los war, zweitens, weil Rerik seinen Vater getötet hatte, und drittens, weil es Sansibar gab, Sansibar in der Ferne, Sansibar hinter der offenen See, Sansibar oder den letzten Grund." Sansibar, das ist die Chiffre für Freiheit, für Flucht vor Zwängen und vor Vereinnahmung durch den Staat. In der DDR übrigens wurde das Buch erst 1990, kurz vor Toresschluß, verlegt. Vor allem, weil die meisten Leser "Sansibar" als Synonym für den "Westen" interpretiert hätten, auf den die Tagträume von einem besseren Leben projiziert wurden.

Gründe, von hier wegzugehen, gibt es auch heute. "Los" ist hier nicht viel, und die Söhne stecken gemeinsam mit den Vätern in der Arbeitslosigkeit. Doch wohin? Der 2000-Seelen-Ort Rerik ist vor acht Jahren selber Sansibar geworden, doch spätestens seit der vorigen Woche, als der Haushaltsausschuß des Bundestages einen von der Rostocker Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) mit der Kölner Fundus Gruppe eingefädelten Immobiliendeal über die Halbinsel Wustrow mehrheitlich abnickte, kehrt das Gefühl der Fremdbestimung zurück.

Wustrow ist ein reizvoller Landzipfel, der das boddenartige Salzhaff gegen die offene See abschirmt. Es handelt sich um 28 Kilometer Strand und Steilküste, um eine Fläche von fast 1000 Hektar, davon rund 200 Hektar Landschaftsschutz- und 670 Hektar Naturschutzgebiet, die in einer Mischung aus Fürstenabsolutismus und Marktschreierei unter dem Slogan "Catch your island" feilgeboten wurde. Das Ganze kostete schlappe 12,5 Millionen Mark, das sind 1,75 Mark pro Quadratmeter. Versprochen hat Fundus, 300 Millionen Mark auf Wustrow zu investieren, eine Nobel-Ferienanlage mit Golfplatz und Reiterhof. 200 Arbeitsplätze sollen dabei abfallen.

Die Gemeinde hat Widerstand angekündigt und will an ihrem Vorkaufsrecht festhalten, ein Aktionsbündnis hat Strafanzeige gegen das Bundesvermögensamt und die Rostocker TLG gestellt. Nur vordergründig handelt es sich um einen neuen Ost-West-Konflikt.

Wieder fühlt man sich in Rerik unter die Vormundschaft unsichtbarer Seilschaften gestellt – der Fundus-Chef und der Leiter der Rostocker TLG sind Studienfreunde. Die Konzeption der Gemeinde wurde übergangen; sie hatte die Württemberger Archi Nova Gruppe als Investor favorisiert, mit der sie sich bereits über eine umweltfreundliche Modellsiedlung verständigt hatte. Nun wird befürchtet, daß die Tage der wertvollen Naturreservate, die sich im Schatten jahrzehntelanger militärischer Absperrung gebildet hatten, gezählt sind. Um das Gelände von Munition zu räumen, müßte es zwei Meter tief umgegraben werden, von der geschützten Flora und Fauna wäre dann nichts mehr übrig. Fundus versichert, den Naturschutz berücksichtigen zu wollen, aber inzwischen gibt es auch in Mecklenburg-Vorpommern genügend Beispiele, daß erst Fakten – abgeholzte Wälder, zubetonierte Schutzgebiete – geschaffen und dann sanktioniert werden. Vor allem aber fürchten die Einwohner, mit dem Machtantritt von Fundus der Arroganz des großen Geldes ausgeliefert zu sein, zu Fremden im eigenen Haus zu werden. Als abschreckendes Beispiel steht ihnen Heiligendamm, das älteste deutsche Seebad 15 Kilometer weiter östlich, vor Augen. Die unter Denkmalsschutz stehende "Weiße Stadt" wurde samt 560 Hektar ebenfalls der Fundusgruppe zugeschlagen – für 18 Millionen Mark. Doch von den angekündigten Investitionen in Höhe von 600 Millionen Mark ist hier nichts zu sehen. Die Häuser verrotten, Post, Drogerie, Konsum, Gaststätten sind "freigezogen". Allein 1997 haben 40 Mietparteien den Ort verlassen.

Entweder steckt dahinter ein brutales Kalkül, das auf die Vertreibung der Einwohner hinausläuft, um Platz für den Geldadel zu schaffen, oder Fundus hat sich finanziell übernommen, oder beides. Es ist interessant, daß Fundus Wustrow sofort mit 90 Millionen Mark beleihen kann. So wäre der Kauf als Geldbeschaffungsmaßnahme plausibel. Weiter wird in Rerik spekuliert, daß Wustrow gekauft wurde, um es als potentielle Konkurrenz für Heiligendamm auszuschalten. Die Menschen jedenfalls, die hier wohnen, interessieren in diesen Planspielen einen Dreck. Fundus-Projektleiter Claus Wahrlich wurde in der Rostocker Presse mit dem Satz zitiert, eine Schranke zur Halbinsel sei nicht nötig, denn "die Tasse Kaffee und das Stück Kuchen für 14,50 Mark werden die Spreu schon vom Weizen trennen".

Als "Weizen" fühlt sich zweifellos sein Chef Anno August Jagdfeld. Dieser Leistungsträger und Held unserer Zeit faßte in einem Interview seine Vision vom "Aufschwung Ost" so zusammen: "Kein einziger Flop", "von der aktuellen Marktschwäche verschont", "hohe Eigenkapitalanteile", "Verlustzuweisung fürs Finanzamt", "Mietgarantien", "Steuervorteile für die Anleger", "Qualität der Projekte", "zehn Prozent Denkmalschutz-Abschreibung plus zwei Prozent Ausschüttung ab dem zweiten Betriebsjahr", "Verlustzuweisung für die Investitionsphase", "Nachlaß auf die Logiskosten", "zahlungskräftige Gäste". – An diesem Vokabular zerschellen die Revolutionslyrik von 1989 und die freiheitlich-demokratischen Glücks- und Emanzipationsversprechen. – "Unterricht ... in Flucht als Protest", hatte Arno Schmidt 1957 zu "Sansibar oder der letzte Grund" angemerkt und, wie in Anspielung auf den ausgreifenden Ökonomismus, ratlos hinzugefügt: "Aber wohin heute?!" Vierzig Jahre später ist diese Ratlosigkeit auch in Mecklenburg angekommen.

Auch in puncto Politik ist der Wustrow-Verkauf lehrreich. Von Bundesumweltministerin Merkel, die zugleich CDU-Landesvorsitzende ist, weiß man, daß sie gegen den Verkauf ist, nur hat sie in Bonn nichts zu sagen. Von der Landesregierung aus CDU und SPD ist nach aller Erfahrung ebenfalls nichts zu erwarten, die "Große Koalition" ist eine Große Nullösung. Die PDS, von der sich die Legende hält, sie sei die authentische "Stimme des Ostens", ist fest auf die Rolle des verläßlichen Narren im Parteienkartell abonniert, statt mit Sachfragen profiliert sie sich als Nachlaßverwalter des Ideologiemülls, zu dem die Grünen sich nur noch ausnahmsweise öffentlich bekennen. Freie Bahn also für Polit-Hallodris, um auch in "Meckpom" mit der Losung hausieren zu gehen: "Laß dich nicht zur Sau machen!" Die nächsten Wahlen zum Schweriner Landtag finden parallel zu den Bundestagswahlen am 27. September statt. Es ist keineswegs unwahrscheinlich, daß die DVU bei dieser Gelegenheit ihren Wahlerfolg von Sachsen-Anhalt wiederholt.

   



ECW - Halbinsel Wustrow

DIE WELT

Southampton an der Ostsee



  Veröffentlicht am 04.02.2007 | Lesedauer: 5 Minuten
    Von Roland Mischke  

 Das fast 300 Hektar große Wustrow an der Ostsee liegt seit Jahren brach. Dabei hat die Entwicklungsgesellschaft Fundus große Pläne für Ferienhäuser, Golfplatz und Marina. Doch die angrenzende Gemeinde Rerik sperrte die Zugangsstraße für Baufahrzeuge. Sie fürchtet zunehmenden Durchgangsverkehr von Touristen

Ein massiver Zaun, dahinter ein Wachmann im Drill mit derben Knobelbechern, erregtes Hundegebell. Auf einem Schild steht in großen Lettern "Betreten strengstens verboten". Nur autorisierte Personen dürfen über den Wustrower Hals, eine schmale, befestigte Düne, auf die Halbinsel. "Wir halten Wustrow auf Stand-by", sagt Johannes Beermann, Generalbevollmächtigter der Fundus-Gruppe, der das Eiland gehört. Die in Köln residierende Entwicklungsgesellschaft, die das Hotel im Ostseebad Heiligendamm und in Berlin das "Hotel Adlon" baute, hat 2004 die zehn Kilometer lange und zwei Kilometer breite Insel zwischen Rostock und Wismar zugesperrt.

Der 46-jährige Rechtsanwalt Beermann führte einst die Verhandlungen mit der Stadt Rerik, die über die Zufahrtsstraße nach Wustrow - nicht zu verwechseln mit Wustrow auf dem Darß - planerische Hoheit hat. Sie sperrte die Straße für Baufahrzeuge, keine Materialien konnten auf die Halbinsel gebracht werden. "Der Sinneswandel trat innerhalb einer Stunde ein", so Beermann. "Das Vertragswerk war fertig, wir waren im April 2003 zum Unterzeichnen angereist. Bürgermeister Wolfgang Gublis hielt uns hin und erklärte plötzlich, er werde nicht unterschreiben."

Peter Sähn, 69, Projektkoordinator der ECW Entwicklungs-Compagnie Wustrow, hält Gublis für schwierig. Der holsteinische Diplomkaufmann in Diensten der Fundus-Tochter hat an sämtlichen Verhandlungen teilgenommen und lebt seit 1990 vor Ort. "Zurzeit läuft ein Verfahren gegen Gublis, es ist kompliziert, weil er schlau genug war, sich nie auf etwas Schriftliches einzulassen. Bleibt er an der Spitze der Verwaltung, wird es keinen Dialog, keine Befriedung geben."

Im rumpelnden Jeep geht es über die Insel. Caspar-David-Friedrich-Atmosphäre. Beidseitig der kopfsteingepflasterten, von Pappeln gesäumten Allee entfaltet sich wild wuchernde Natur mit mächtigen alten Eichen, Rudeln von Apfelbäumen und verwilderten Weiden, mit Salzwiesen, Schilfgürteln, Dünen und auf der Wattseite mit kniehohem Wasser zwischen entwurzelten Stämmen, auf denen bräsige Kormorane hocken. Ornithologen blicken mit verklärten Gesichtern durchs Fernglas auf Seeadler, Gänsesäger und geschützte Wattvögel.

Für zwölf Millionen Deutsche Mark hat der Bund 1998 seine Besitzrechte an der Halbinsel abgetreten, das einstige Militärgebiet war ihm nach der Wende zugefallen. "Das Bonbon", wie man Wustrow im Bundesvermögensamt nannte, wurde ausgeschrieben, erhielt eine eigene Broschüre, "Catch your Island" betitelt. Aus aller Welt gingen für das fast 300 Hektar große Flurstück, dreimal so groß wie Monaco, Angebote ein. "Das umfasst die Bereiche Wohnen und Landschaft, wo auch der Golfplatz zwischen Meer und Bodden entstehen soll", erklärt Peter Sähn. "Der größte Teil der Insel ist Naturschutzgebiet, rund 700 Hektar, da wird nicht gebaut."

Fundus erhielt den Zuschlag, ließ amerikanische Stadtplaner einfliegen und plant 180 Ferienwohnungen, bis zu 200 Quadratmeter groß, und 159 Einzel- und Doppelvillen für erholungsbedürftige Besserverdiener. Fundus-Chef Anno August Jagdfeld möchte Wustrow zum "Southampton an der Ostsee" machen, mit einer Marina für 240 Jachten und einem 27-Loch-Golfplatz. 250 Arbeitsplätze sollen geschaffen, bis zu 70 Azubis in Dienst genommen werden. "Natur, Entspannung und Wellness auf höchstem Niveau. Der verschlafene Landstrich wird zur Jobmaschine", verkündet Johannes Beermann.

Die Ablehnung der Fundus-Pläne durch die Stadt Rerik wird begründet mit der Verkehrsbelastung, sämtliche Autos zur Insel müssten den Ort durchfahren. Zudem soll Wustrow nicht mehr Gäste haben als Rerik mit seinen 1700 Einwohnern. Auch der riesige Golfplatz gilt als Problem, das Wasser könnte knapp werden. Beermann widerspricht: "Wasser und Erdwärme holen wir aus der Erde, in 90 bis 100 Meter tiefen geologischen Schichten ist alles vorhanden, um autark wirtschaften zu können."

Die Halbinsel hat eine wechselvolle Geschichte. Auf Weisung Adolf Hitlers wurde Wustrow 1934 militärische Zone. Die Wehrmacht baute das Terrain generalstabsmäßig aus. Flugplatz, Flakartillerie zur Luftabwehr, Schießplatz, dreistöckige Kasernen, Offiziershäuser, Kasino. Erst wurden Urlauber vertrieben, dann die Insulaner. Von 1934 an durfte kein Zivilist mehr die Insel betreten. Eine jahrhundertelange Idylle war zu Ende, der traditionsreiche Ackerbau auf fruchtbarem Land eingestellt, die Natur belastet. Bis heute ist sie beschädigt, der Boden kontaminiert mit militärischen Altlasten, mit Sprengstoffen, Kampfseuchemitteln, Zündern, Öl und Diesel.

Das meiste stammt von den Russen. Sie hatten die Insel nach dem Krieg übernommen, 1993 zogen sie ab. 2300 Panzer waren hier stationiert, jeden Morgen ab fünf Uhr hörten die Reriker das Brummen der schweren Motoren. Vom Flugplatzterminal aus wurden Übungsmanöver kontrolliert. Aus dem Tower kann man bei gutem Wetter bis nach Wismar und zur Fehmarnbrücke schauen. Ein Wandgemälde zeigt naive Malerei: Sowjetpanzer schießen Nato-Panzer in Rauch.

"Die Offiziere haben eine Terrorherrschaft geführt", weiß Peter Sähn aus vielen Gesprächen mit Rerikern. "Vom hohen Wachtturm aus wurde Tag und Nacht beobachtet, ob jemand die Halbinsel betritt oder verlässt. Die Wächter kamen aus Festlandskasernen. Sie wurden nur mit Suppe und Brot versorgt, flohen immer wieder, wurden gefasst und standrechtlich erschossen, noch Ende der 80er-Jahre."

In der Stille am Salzhaff mag man gar nicht glauben, dass hier gelärmt und getötet wurde. Ein Schwan zieht seine Kreise und äugt nervös zu den Zweibeinern herüber. Nahebei steht die Ruine des Gutshofes, in der Admiral Göring noch 1944, als die Ostfront bröckelte, ausgelassen feierte. Der Gutsteich ist verschilft, unter alten Bäumen haben hier die Schweine im Laub nach Eicheln gewühlt. In diesem Winter hängen immer noch rote Äpfel an den Bäumen, beinahe wie Weihnachtsbaumkugeln schaukeln sie im Wind.

"Vielleicht beginnen die Arbeiten in zwei Jahren, wenn es zur Willensübereinstimmung kommt", hofft Johannes Beermann. "Dann entminen wir die Insel vollständig und öffnen sie wieder." 


Heiligendamm ECH - Halbinsel Wustrow ECW

Der Größenwahn eines Investors

Heiligendamm Ausgeweidet, betoniert, durch Zäune von der Bevölkerung getrennt. Ein Ressort für Luxusgäste, die nicht kommen
Marina Achenbach


Wie sehen die Dinge aus, wenn die Scheinwerfer ausgeschaltet sind? Für kurze Zeit war Heiligendamm, die "weiße Stadt am Meer", auf weltweites Interesse gestoßen - als der millionenteure Zaun errichtet wurde und die G 8-Spitzen im Juni ihren Gipfel abhielten. Als Tausende Polizisten aufzogen und der Protest sich nicht wegdrängen ließ. Inzwischen wird - wieder ohne gleißendes Licht - der Kleinkrieg um Wald und Wege, Denkmalschutz und Kredite fortgesetzt.


Das ist die Geschichte der ruinösen Verwandlung eines historischen Ortes. Sie handelt vom ältesten deutschen Seebad, vor 200 Jahren entstanden, bei Bad Doberan, 27 Kilometer von Rostock entfernt. Es war der Großherzog von Mecklenburg, Friedrich Franz I., der ein Kurhaus errichten ließ, nachdem sein Hofarzt hier ein günstiges Mikroklima ausgemacht hatte. Erstaunlicher Weise zog das Bad europäische Aristokraten an, sie bauten an der windigen Ostseeküste klassizistische Strandvillen mit Türmchen und Säulen. Das Grandhotel und die so genannte Hohenzollernburg mit Turm und Zinnen kamen hinzu, der Kaiser reiste mit Gefolge an. Bürgerliche Berliner, auch jüdische Familien bauten im Windschatten der Hotelanlage weitere Villen in verspielten Gärten. Dem ersten architektonischen Entwurf passten sich die Nachfolger an, ein Spleen vielleicht, eine Art Kulisse, die sich bewährte. Bis vor wenigen Jahren blieb all das leicht bröckelnd, mit abblätternden Farben, immer wieder nur notdürftig saniert, aber prächtig und authentisch erhalten. Und darum ein Glücksfall.


Vielleicht Monte Carlo

Die Besitzverhältnisse wechselten mit den Zeiten. Im Krieg verfügte die Marine über das Areal und gab ihm einen dunklen Tarnanstrich. Dann wurde Heiligendamm wieder weiß. Die DDR richtete in der Anlage eines der beliebtesten Sanatorien des Landes und eine Lungen- und Hautklinik ein, die Strandvillen wurden Ferienheime von Betrieben. Außerdem fand hier die Hochschule für Angewandte Kunst einen Ort, mit Werkstätten in historischen Gebäuden und in Baracken, die von den Studenten nach dem Krieg zum Teil selbst gebaut wurden. Die Hochschule belebte die Gegend ungemein. In der Siedlung Heiligendamm wohnten Ärzte und Schwestern, Professoren und Studenten. Familien vermieteten Zimmer an Sommergäste. Man liebte die Künstlichkeit und den morbiden Charme des Ortes, er wurde in der DDR unter Denkmalschutz gestellt, der 1996 ausdrücklich erneuert wurde. Und doch seither fortlaufend verletzt wird.



Gleich nach der Wende ahnten die Anwohner mit gemischten Gefühlen, dass ihrem Seebad eine spektakuläre Veränderung bevorstand. Etwas Hochelegantes würde sicher entstehen, vielleicht etwas wie Monte Carlo. Das Land Mecklenburg-Vorpommern als Haupteigentümer und der Bund, Besitzer der Strandvillen, suchten einen Investor für das ganze Ensemble - die "Ein-Hand-Lösung". Bewohner wurden rausgesetzt, auch rausgeklagt. Die Hochschule kämpfte erbittert gegen ihre Schließung, die als partielle Verlagerung nach Wismar getarnt war. Sauber gestaltete Plexiglas-Schilder mit Grundrissen und historischen Angaben wurden an den Gebäuden aufgestellt. So wartete der ganze Ort auf den potenten Käufer. Der fand sich nicht sofort, bis Ende 1996 die Kölner Fundus-Fonds-Gesellschaft es wagte. Fundus erhielt die Gebäude und 520 Hektar umliegendes Land - mit Rücksicht auf den "Sanierungsauftrag" - für einen sehr guten Preis, heißt es. Der ist geheim, wie so vieles in Heiligendamm.

Chef des Fundus-Fonds ist Anno August Jagdfeld, der "Immobilienkönig, dessen Imperium stark mit Familienmitgliedern besetzt" ist (Spiegel). Er übernahm die Regentschaft über Heiligendamm und gründete die Entwicklungsgesellschaft ECH. Seine Frau, zuständig für Luxusausstattungen von Fundus-Projekten, richtete ein Architekturbüro ein, sein Schwager übernahm das benachbarte Gut Vorder Bollhagen. Die Jagdfeld-Familie reichte jüngst auch Pläne für den Umbau der eigenwilligsten, etwas abseits gelegenen Villa mit Seeblick - des Alexandrinen-Cottage - ein. Denkmalschützer waren entsetzt. Dem Gerücht nach will Jagdfeld hier künftig selbst wohnen. Aber das alles ist ein Tanz auf dünnem Eis. Der Fonds 34, der für Heiligendamm gilt, ist in Finanznöten. Im Sommer hat die HypoVereinsbank einen 15 Millionen-Kredit "aufgrund der weiterhin negativen wirtschaftlichen Entwicklung der Gesellschaft" nicht verlängert. Und die Anleger folgen dem Lockruf nicht mehr, den Fonds aufzustocken - im Gegenteil, Fondsanteile im Wert von 30 Millionen Euro waren im Sommer noch nicht verkauft, berichtete die Wirtschaftswoche am 5. Juli 2007. Anleger wollten sich zurückziehen.

Die Fahrt Richtung Küste geht durch flaches, leicht schwingendes Land. In den Äckern unterbrechen kreisrunde, morastige Sölle, Reste der Eiszeit, mit ihren Baumgruppen die Furchen. Von Rostock noch 20 Minuten bis zum Städtchen Bad Doberan mit dem wunderbaren Münster. Schon lässt sich Seeluft atmen. Heiligendamm ist über eine Linden-Allee oder mit dem kleinen Dampflokzug Molly erreichbar. Zum Strand werden die Besucher auf neuen Straßen und Wegen durch einen Wald gelenkt, mit gehöriger Distanz zum Hotel.

Grenze zwischen den Welten

Die Hotelgebäude stehen weiß und kantig da: das Grandhotel Kempinski, die Hohenzollernburg, dazu ein neuer Bau, genannt "Severin-Palais", dem historischen Stil nachempfunden, aber ein zu schwerer Klotz und eine Etage höher gezogen, als es angeblich im eingereichten Bauplan vorgesehen war. 225 Zimmer. Das alte Grandhotel wurde beim Umbau "entkernt", nur die Fassade blieb erhalten. Der Hauptkonservator Gerd Baier aus Schwerin sagte öffentlich: "Das ist kein Denkmal mehr, das ist ein Neubau." Zugleich wurden Kneipen, Cafés und Läden unter Dauerdruck zum Aufgeben gebracht und abgerissen. Bald war Fundus mit den Hotelgästen unter sich.

Nur die Besucher aus Bad Doberan störten. Angeblich drückten sie sich die Nasen an den Fensterscheiben platt. Und darum seien eigentlich sie schuld, dass nach der Eröffnung des Hotels 2003 der Gästestrom ausblieb, behauptete Jagdfeld. Er begann einen Dauerkrieg gegen die Kreisstadt Bad Doberan und andere Instanzen, um Wege, die Promenade und den Strand abzusperren. Die Bad Doberaner wehren sich, aber lassen sich auch einschüchtern. Mit den öffentlichen Wegen hatte Jagdfeld inzwischen Erfolg: ein Knie hoher Zaun, dessen Tore sich nur mit Chipcard öffnen lassen, ist die Grenze zwischen den Welten. Die Strandpromenade soll bald nur noch gegen eine Gebühr zu betreten sein. Den ans Hotel grenzenden "Kleinen Wohld" mit alten Bäumen, Windflüchtern und schönen Ausblicken aufs Meer vom "Europäischen Küstenwanderweg" aus, der ihn bisher durchzog, hat Jagdfeld im Zusammenspiel mit den Forstbehörden einige Jahre absperren lassen, um ihn schleichend als "Hotelpark" in eigene Regie zu bringen. Alle diese Maßnahmen dienen vermutlich einfach der Wertsteigerung von Grundstücken, die Jagdfeld künftig einzeln verkaufen will. Das Recht dazu hat er sich inzwischen gesichert.

Wie so oft ist es auch in Bad Doberan eine kleine, beharrliche Bürgerinitiative um die Architekten Hannes Meyer, Heike Ohde und den Rostocker Designer Axel Thiessenhusen, die versucht, Jagdfelds Konzepte und Aktivitäten zu durchleuchten. Ein unendlich mühsames Unterfangen. Die Studien, Vereinbarungen, Pläne stehen meist unter Verschluss. Auf Anfragen gibt es selten konkrete Antworten, auch nicht von Ämtern und Politikern. Von wie vielen widersprüchlichen Entscheidungen, rätselhaften Konzessionen an Jagdfeld und Fällen von Druck auf untere Behörden habe ich gehört, seit ich versuche, mir ein Bild zu machen! Es lässt sich kaum noch rekonstruieren, geschweige denn auf eine Zeitungsseite bringen. Die Initiative mit dem Namen Pro Heiligendamm will der Öffentlichkeit das Seebad als Kulturgut erhalten und den Bewohnern von Bad Doberan, wo bislang viele Familien Zimmer an Sommergäste vermieten, den Zugang dazu.


Zum Selbstmord getrieben

Welche Luxusgäste wird es überhaupt künftig in die Ödnis des steril gewordenen Heiligendamm ziehen? In ein Disneyland ohne Leben? Wie viel werden es sein, wenn wenige Kilometer weiter auch Kühlungsborn Luxushotels anbietet? Auch der Yachthafen mit der Hotelanlage Hohe Dünebei Warnemünde wäre eine Konkurrenz, die ebenfalls leer steht.

Die Initiative sagte von Anfang an: Man hätte Kulturtourismus entwickeln sollen für ein bildungsbürgerliches Publikum, das Sinn für den Reiz auch des Hinterlandes aufbringt: für kleine Dörfer in der hügeligen Landschaft mit Namen Kühlung, breite Bauernhöfe mit tiefgezogenen Strohdächern, das alte Münster in Doberan. Noch wäre wohl eine Kehrtwende möglich, meinen die Kritiker, doch jetzt sind auch noch ein Ayurweda-Zentrum in Form eines indischen Tempels und eine Thalasso-Anlage geplant. Die Jagdfeldsche Gigantomanie verschlägt den Mecklenburgern geradezu die Stimme.

Doch es herrscht im Lande Angst vor einem Bankrott des Hotelunternehmens, das zu viele mit ins Loch ziehen könnte. Beamte auf allen Ebenen stellen Bedenken zurück, um nichts "zu verderben". Bad Doberan ist von der Sorge um Arbeitsplätze paralysiert. In der Stadtvertreterversammlung gibt es regelmäßig Mehrheiten für Jagdfeld, da stimmen CDU, SPD, die Linke und die Partei Doberaner Mitte gegen die Grünen, die FDP und den Bürgerbund. Über die vierköpfige Fraktion der Linken sind viele schockiert und ihre Anhänger beschämt. Die NPD sitzt in den Startlöchern. Und weil keiner mehr "durchsieht", breitet sich Resignation aus.

Die öffentliche Hand, die schon 53 Millionen Euro für Strukturverbesserungen investiert hat, was 24 Prozent der Gesamtinvestitionen in Heiligendamm ausmacht, ist erpressbar geworden. Es muss ja weiter gehen, zu viel Geld ist schon geflossen. Und zu viel ist bereits an historischer Substanz zerstört. Bei Fundus hingegen haftet niemand. Man arbeitet mit dem Geld der Anleger, die ECH ist als Tochtergesellschaft eine GmbH KG. Bei Insolvenz bliebe ein Berg an belastetem Vermögen. Darum lässt niemand Jagdfeld fallen, da funktioniert ein Gesetz des Systems, mit dem er traumwandlerisch sicher umgeht. Er hat alle in Zugzwang gebracht, weiter zu machen.

Noch stehen sieben Strandvillen der "Perlenkette" im alten Zustand am Rand der Promenade: Fenster und Türen verrammelt, Farbe abgeblättert, dennoch apart und verlockend. Sie waren acht, die Villa Perle wurde kurz vor dem G 8-Gipfel abgerissen. Das von der russischen Großfürstin Marie erweiterte, in DDR-Zeit dem ungarischen Schriftstellerverband übertragene Haus war angeblich marode. Das glaubt niemand. Ging es um Platz für die Medientribüne zum G 8-Treffen? Oder musste sie weg, weil sie den Blick aus dem Wellness-Bereich des Severin-Palais aufs Meer störte? So wuchern bis heute die Vermutungen.

Die Bürgerinitiative erfuhr nachträglich, dass Jagdfeld schon vor drei Jahren angefragt hatte, ob er nicht die ganze Perlenkette abreißen dürfe, aber nur die Genehmigung für die Perle und noch zwei Villen, genannt Schwan und Möwe, erhielt. Zuletzt hat er das Recht durchgesetzt, die Objekte einzeln zu verkaufen. Die Kritiker befürchten, dass er für die Seegrundstücke ohne denkmalgeschützte Villen viel höhere Preise erzielen würde. So scheint ihr Schicksal besiegelt, er lässt sie verrotten und wartet ab.

Die Hotelgäste langweilen sich nach zwei, drei Tagen. Im kleinen privaten Café, das sich am Ende der Promenade noch gehalten hat, klagen sie darüber. Claudia Kapellusch, die zum letzten Jahrgang der Kunsthochschule gehörte, zeigt mir die vielen leeren Flächen, auf denen früher Läden und Kneipen standen, darunter auch die Kleine Drogerie. Die Inhaberin war den Studenten lieb, ein wenig wie eine Mutter für sie. Jagdfeld setzte sie unter Druck, den Laden aufzugeben. Um sie wurde es immer leerer. Eines Tages erfuhr Claudia von Studienkollegen, dass Frau Karin Höfer von der Seebrücke in die eisige Ostsee gesprungen und ertrunken ist.


00:00 16.11.2007
Geschrieben von

Marina Achenbach | der Freitag




Halbinsel Wustrow soll kleinster Nationalpark Deutschland werden.

 Ökologische Ideen für die Halbinsel Wustrow.

 

Der Fluch von Heiligendamm

EINMAL WELTRUHM UND ZURÜCK:Der Fluch von Heiligendamm



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In einer Woche kommen Spitzenpolitiker aus aller Welt zum G-7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern. Das letzte Treffen dieser Art in Deutschland liegt acht Jahre zurück und fand in Heiligendamm an der Ostsee statt. Damals hat der Strandkorb das Gipfelhotel berühmt gemacht. Danach folgten nur noch negative Schlagzeilen.


Etwas scheu stehen die sechs verirrten Touristen am verschlossenen Tor. Mit ihren Trekkingjacken, teils beige, teils bunt, unterscheiden sie sich deutlich von den Gästen des Fünfsternehotels ringsum. Zwei von ihnen schieben Fahrrädermit Satteltaschen. Ihre Blicke sind leicht nach unten gesenkt, als wüssten sie, dass sie gerade etwas Verbotenes tun. „Ich lass’ Sie mal raus“, sagt die Hotelangestellte großzügig. Und öffnet mit ihrer Chipkarte das Tor.



Es ist etwa die Stelle, an der vor acht Jahren der berühmte überbreite Strandkorb stand. Die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industriestaaten posierten im Juni 2007 gemeinsam mit dem damaligen EU-Kommissionspräsidenten fürs Gruppenfoto. Es war eine perfekte Inszenierung: Sonnenschein, blaues Meer, die Journalisten wurden mit dem Dampfzug „Molli“ herangekarrt. Und ein Kompromiss zur Rettung des Weltklimas sprang auch noch heraus.

Es war der letzte deutsche G-8-Gipfel vor dem Treffen, das am kommenden Sonntag im oberbayerischen Elmau beginnt – diesmal ohne Russland. Und wie jetzt der Hotelier Dietmar Müller-Elmau auf einen höheren Bekanntheitsgrad für sein Haus hofft, so spekulierte damals eine der schillerndsten Figuren des deutschen Immobiliengeschäfts auf den entscheidenden Durchbruch für sein vier Jahre zuvor eröffnetes „Grand Hotel Heiligendamm“, dem noch die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröderden Zuschlag fürs Gipfeltreffen gab: Anno August Jagdfeld, Chef der Fundus-Gruppe aus dem rheinischen Düren.

Viel Glück hat der Gipfel ihm nicht gebracht oder genauer: den Anlegern, die ihr Geld in seinen Immobilienfonds investierten. Fünf Jahre später war das Hotel pleite. Gewinn hatte es bis dahin nie gemacht, das Gipfeljahr 2007 war immerhin das einzige ohne Verlust. Es waren Jahre voller Streit. Und diese Kämpfe haben viel mit den verdutzten Tagesbesuchern und dem verschlossenen Tor auf dem Weg zum Strand zu tun.



Fehlplatziert? Luxushotel an der ostdeutschen Küste

Aber der Reihe nach. Im Jahr 1996 hat Jagdfeld das Ensemble der historischen Badehäuser für 18 Millionen D-Mark gekauft – nicht nur das heutige Hotel, sondern die ganze Uferfront und damit einen beträchtlichen Teil des gesamten Ortes Heiligendamm, 1793 vom mecklenburgischen Herzog Friedrich Franz I. gegründet und damit das älteste deutsche Seebad. Lange hatten das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Treuhandanstalt nach einem Abnehmer für die sanierungsbedürftigen Objekte gesucht. Auch die Stadt Bad Doberan, zu der Heiligendamm mit seinen heute 300 Einwohnern gehört, stimmte dem Geschäft zu.

Im Jahr 2003 eröffnete das Hotel, ein Traum in Weiß mit dem klassizistischen Kurhaus in der Mitte und den anderen Gebäuden ringsherum. Ein Luxushotel wie kein zweites an der ostdeutschen Küste, zwei Autostunden von Hamburg und zweieinhalb Stunden von Berlin entfernt, mit einem Restaurant, das einen Michelin-Stern eroberte. Aber zur gleichen Zeit begannen die Probleme. Das Objekt geriet ins Zentrum eines Kulturkampfs, der als Konflikt zwischen Arm und Reich, zwischen Ost und West inszeniert wurde.

Die Hotelgäste fühlten sich von Tagestouristen belästigt, die durch das Gelände streiften und ihre Fotoapparate zückten. Die Gemeinde wiederum beharrte auf einem öffentlichen Weg vom Bahnhof über das Hotelgelände zum Strand, zwischen Hauptgebäude und Wellnessbereich. Einer der oft wechselnden Hoteldirektoren befeuerte die Debatte mit dem Satz: „Ich möchte nicht, dass hier Busse aus Castrop-Rauxel kommen und die Leute auf unsere Toiletten gehen.“

Rings um das aufwendig sanierte Hotel setzte sich der Verfall derweil fort. Wer heute in östlicher Richtung die Küste entlangspaziert, passiert sechs heruntergekommene klassizistische Villen, erbaut um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Schuld am maroden Zustand dieser „Perlenkette“, wie sie im Lokaljargon heißt, schoben die Kontrahenten jahrelang hin und her. Die Stadt beklagte, dass die Jagdfeld-Gruppe mit der Sanierung nicht vorankam. Der Investor beschwerte sich über zurückgezogene Baugenehmigungen und andere bürokratische Hürden, mit denen die lokalen Autoritäten ihren Kleinkrieg führten und bereits getroffene Entscheidungen rückgängig machen wollten.


Nach der Insolvenz geht es langsam wieder bergauf

Die Kempinski-Gruppe, die ursprünglich für den Jagdfeld-Fonds die Hotelgeschäfte führte, stieg frühzeitig aus. Anschließend betrieb der Investor das Haus selbst – und scheiterte damit. „Der Anleger bekam die Hälfte vom Finanzamt zurück, den Rest muss man leider abschreiben“, sagte der Immobilien-Unternehmer später in einem Interview. Und fügte hinzu: „Es ist aber niemand mit der Kalaschnikow gezwungen worden, bei uns Fondsanteile zu zeichnen.“ Eigenes Missmanagement kann er nicht erkennen. „Offene Wege und die Debatte darum waren ein großer Teil des Problems“, lässt er über seinen Sprecher ausrichten.

Der Insolvenzverwalter gab zunächst einer Berliner Investorengruppe den Zuschlag, deren türkische Geldgeber aber den Preis nicht bezahlten. Daraufhin kam ein Mann zum Zug, auf dem nun alle Hoffnungen ruhen: Paul Morzynski, ein Steuerberater aus Hannover, der schon einmal einen ostdeutschen Traditionsbetrieb vor dem Untergang gerettet hat. 1992 übernahm er die Halloren-Schokoladenfabrik, wo er heute den Aufsichtsrat führt. Ihm kann niemand vorwerfen, er interessiere sich nur für Luxusmarken oder ruiniere den Osten.

Im Jahr 2014 machte das Hotel nun zum ersten Mal in seiner Geschichte einen – wenn auch bescheidenen – Gewinn, wie die beiden neuen Geschäftsführer beim Gespräch in der „Nelson-Bar“ stolz erläutern. Der Umsatz stieg um 12 Prozent, die Auslastung der 181 Zimmer von bescheidenen 40 auf immerhin 48 Prozent, für das laufende Jahr werden bis zu 60 Prozent angepeilt. Die Zahl der Dauerkräfte sank von rund 300 auf nur noch 170. Schon etwas angejahrte Teppichböden wurden ausgetauscht, W-Lan und Flachbildschirme installiert. Ein neuer Wellnessbereich mit Außenschwimmbad soll schon Ende nächsten Jahres auch außerhalb der Hauptsaison mehr Gäste locken.

Damit ist Jagdfeld indes nicht aus dem Spiel. Dem insolventen Fonds, der an die neuen Betreiber überging, gehörte nur das Hotelgelände selbst. Die leerstehenden Villen ringsherum sind in der Hand von Jagdfelds „Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm“ (ECH). Es war klar: Ohne eine Einigung zwischen ihr und der Gemeinde würde es nicht vorwärtsgehen.


Wustrow: Wo bedrohtes Leben sicher ist     (OZ vom 04.04.2014, Lutz Werner)                  

67 Vogel- und Pflanzenarten, die auf der „Roten Liste“ stehen, haben auf der Halbinsel Wustrow einen geschützten Lebensraum gefunden. Dr. Klaus Große plädiert in seinem Buch dafür, dass es so bleibt.                                        

Dr. Klaus Große hat ein Buch geschrieben: „Wustrow — Das Paradies in der Warteschleife“, so lautet der Titel. „Gedacht auch als Entscheidungshilfe für die Politik, diese einzigartige, unberührte Naturlandschaft zu erhalten und Pläne aufzugeben, dort für touristische Zwecke zu bauen“, sagt der 76-jährige Reriker.

Die Halbinsel Wustrow bei Rerik wurde von der Natur zurückerobert. Jahrzehntelang — bis 1994 — war sie ein von der normalen Besiedlung abgeschnittener Militärstandort der Sowjetarmee. Danach wurde sie Privatbesitz — „Betreten verboten!“. Zu einer ursprünglich geplanten Bebauung des vorderen Teils nahe Rerik kam es nie.

„27 Vogelarten, die auf der ,Roten Liste‘ stehen, haben auf der Halbinsel Wustrow ein Refugium gefunden. Und 40 Pflanzen, die ebenfalls in der Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutz-Union geführt werden. In einem unberührten Biotop, das wieder zur Wildnis wurde. Das ist etwas ganz Besonderes“, sagt Klaus Große. Und erzählt von Seeadlern, Uhus, Meerkohl, der Strand-Diestel und Blasentang. Er ist seit vielen Jahren als ehrenamtlicher Naturschützer im Auftrag des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie auf der Halbinsel unterwegs. Beobachtet die Tier- und Pflanzenwelt, dokumentiert die Bestandsentwicklung, schreibt darüber Berichte für das Amt und wissenschaftliche Veröffentlichungen. Aber Große kennt die Halbinsel schon seit den 1970er Jahren. Als er als Tierarzt auch in das militärische Sperrgebiet gerufen wurde, um die Hausschweine der Russen, die zum Teil Selbstversorger waren, zu impfen und nach dem Schlachten zu begutachten.„Das Buch ist sicher ein Spagat. Ich habe versucht, interessante Geschichten und Episoden über die Halbinsel aufzuschreiben. Die Menschen auf dieses Stück Erde neugierig zu machen. Aber auch wissenschaftlich dokumentiert, wie großartig der Bestand an Tieren und Pflanzen auf der Halbinsel ist“, sagt der Autor. Er weiß: „Eine Akzeptanz für den Naturschutz gibt es nur dort, wo die Menschen erleben, wie großartig unberührte Natur ist.“ Das sei jedoch mit der Halbinsel, die abgesehen vom Eigentümer und seinen Leuten, Jägern und wenigen Naturschützern niemand betreten darf, schwierig.

Daher habe er das Buch geschrieben, in dem er mit vielen informativen Texten und eindrucksvollen Fotos für den Erhalt dieser Naturlandschaft werben möchte.

Klaus Große weiß auch, dass der Eigentümer die Halbinsel gekauft hat, um Geld zu verdienen. „Das kann man heute auch mit dem Naturschutz — mit Emissionshandel, dem Ausweisen von Baumhabitaten und Totholz-Gebieten. Da gibt es viele Möglichkeiten“, sagt er. Große wünscht sich, dass die Naturlandschaft für die Menschen erlebbar wird — mit einem Informationszentrum auf dem Wustrower Hals, dem Zugang zur Halbinsel und behutsam ausgebauten Rad- und Wanderwegen. „Daran denke ich sehr oft“, sagt der Mann, der schon so viele Jahre für den Naturschutz auf der Halbinsel unterwegs ist.

Buch-Tipp: Dr. Klaus Große, Wustrow — Das Paradies in der Warteschleife, 19,90 Euro, Persimplex-Verlag.

ISBN: 978-3-86440-162-6




Halbinsel Wustrow

Opposition ist sich sicher: Fundus hat sich als Käufer disqualifiziert Von Claudia Schreyer, Schwerin

Ein Abschluß der Beratungen über den Verkauf der Bundesliegenschaft Halbinsel Wustrow in Mecklenburg-Vorpommern an die Kölner Fundus-Gruppe wurde im Haushaltsausschuß des Bundestages auf den nächsten Dienstag verschoben.

Eigentlich war der Vertragsabschluß zwischen dem Bundesfinanzministerium und Fundus mit den Stimmen der regierenden Koalition im Haushaltsausschuß bereits abgesegnet, als der haushaltspolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Oswald Metzger, mit überraschenden Neuigkeiten aufwartete: Fundus hat sich bereits eine Auflassungsvormerkung und damit als Eigentümer der Liegenschaft in das Grundbuch eintragen lassen. Dieser Vorgang stieß bei den Mitgliedern des Ausschusses einhellig auf Empörung, die Parlamentarier fühlten sich übergangen, machten den Beschluß rückgängig und vertagten eine Entscheidung.

Nach Ansicht von SPD, Bündnisgrünen und PDS hat sich Fundus endgültig als Käufer für Wustrow disqualifiziert; die Oppositionsparteien fordern eine neue Ausschreibung des Objekts. Schon beim Zustandekommen des Vertrages gab es viele Ungereimtheiten. So war die TLG-Entscheidung, Wustrow an Fundus zu verkaufen, entgegen dem einstimmigen Votum des Vergabeausschusses und dem erklärten Willen der Bevölkerung in der Region erfolgt.

»Wir wurden von der Entscheidung völlig überrumpelt, nicht einmal offiziell informiert«, sagt der Bürgermeister der unmittelbar betroffenen Stadt Rerik, Wolfgang Gulbis; und gegen die ursprüngliche Absicht wurden auch Flächen des Naturschutzgebietes mit versilbert. Die Menschen vor Ort favorisieren nach wie vor das Konzept von »Archi Nova«, einem Bewerber, mit dem die Verhandlungen schon recht weit vorangeschritten waren. Dieser setzt auf den sanften Tourismus, eine nachhaltige Entwicklung der Erholungslandschaft. »Rerik und der gesamten Region sollte Gelegenheit gegeben werden, in einer Anhörung vor dem Haushaltsausschuß unsere Sicht der Dinge darzulegen«, wünschte sich der stellvertretende Bürgermeister Reriks, Werner Blume.

Die Fundus-Gruppe will auf Wustrow ein Nobelbad errichten, wie sie es bereits in der Nachbarschaft, in Heiligendamm, vorhat. Hier geht es jedoch nur schleppend voran; immer hartnäckiger und lauter werden die Gerüchte, daß die Mittel für das ehrgeizige Projekt längst nicht da sind. Jetzt muß Fundus erst einmal die Gemüter der Parlamentarier in Sachen Wustrow beruhigen: Die Eintragung ins Grundbuch sei auf Wunsch des Bundes erfolgt, erklärte ihr Sprecher Michael Rabe. Dieser habe sicherstellen wollen, nach der Vertragsgenehmigung baldmöglichst an den Kaufpreis heranzukommen. Würde der Vertrag nicht genehmigt, verlöre der Eintrag automatisch jede Bedeutung. Völlig unabhängig davon sei jedoch am Donnerstag dem Bundesfinanzministerium eine Löschungsbewilligung übergeben worden.



 

 Autokorso gegen Durchfahrt durch Rerik zur Halbinsel Wustrow.



Reriker Bürger blockieren Zufahrt zur Halbinsel Wustrow.





Sowjetsoldaten verlassen die Halbinsel Wustrow.



TLG will die Halbinsel Wustrow verkaufen.



Halbinsel Wustrow ist gesperrt.



Die Halbinsel Wustrow wird international zum Verkauf durch die TLG ausgeschrieben.





Neben der Archi Nova Gruppe stellt nun die Haschtmann Fundus Gruppe ihr Konzept vor.










Viele Kaufinteressenten für die Halbinsel Wustrow.



Die Halbinsel Wustrow wird an Fundus verkauft.



Entgegen dem Votum des Vergabeausschusses und den Plänen der Gemeinde Rerik wurde die Halbinsel Wustrow an die Fundus Gruppe verkauft.



taz: Halbinsel Wustrow 

Artikel aus "taz vom 28.02.1998"

Das Bonbon am salzigen Haff

Einer naturgeschützten Ostseehalbinsel vor Rerik droht das gleiche Schicksal wie anderen Ökoreservaten in den neuen Ländern: Sie werden vom Bund zur Sanierung des Haushalts rücksichtslos verkauft  ■ Von Uta Andresen

Das da drüben ist unser Juwel.“ Meint der Vogelkundler etwa die Pappeln, Eichen, Weiden? Oder das kniehohe Wasser zwischen entwurzelten, toten Stämmen? Klaus Große sagt: „Da brütet der Seeadler. Und da...“ Er schwenkt seinen Arm lässig und deutet auf ein Sandkliff über der Ostsee ein paar hundert Meter weiter: „...da wächst das Breitblättrige Knabenkraut.“ Eine Orchideenart, die auf der roten Liste vom Aussterben bedrohter Arten steht. Der Mann, das Fernglas vor der Brust, setzt die Pausen wohl dosiert. Wie einer, der weiß, daß er Eindruck schinden kann.

Jetzt fürchtet der kleine Mann mit den grauen Haaren, daß er bald nichts mehr zu zeigen hat. Die knapp tausend Hektar große Halbinsel Wustrow am Salzhaff bei Wismar ist verkauft. Für zwölf Millionen Mark hat der Bund, Eigentümer des einstigen Militärgeländes, seine Besitzrechte abgetreten.

Schilfgürtel, Salzwiesen und Dünen gehören seit Anfang Februar dem Kölner Immobilienfonds Fundus. Und der will auf der Landzunge bauen. 400 Wohnungen auf rund 300 Hektar. Ein Reiterhof und ein Achtzehnlochgolfplatz. Und nebenan der Adlerhorst.

Ostseebad Rerik. In diesen Tagen hat sich der tourismusträchtige Titel irgendwo zwischen Motorbooten (kieloben) und dem Kiosk „Sturmeck“ (geschlossen) verdrückt. Ein Bauarbeiter steht mit der Schaufel auf der Schotterpiste, die den Reriker Strand mit der Landzunge Wustrow verbindet. Es stinkt nach Teer. Bedächtig füllt der Mann die Löcher im Kies. Er hat sichtlich noch viel vor.

Wenige Löcher danach ist Schluß. Eine Betonmauer und ein Metalltor verhindern die Weiterfahrt. Auf die Mauer hat jemand „Alles hat seine Zeit“ gesprüht. Das Tor beäugt ein privater Wachdienst von einem Container aus. „Da kann man nicht durch.“ Eine Blondierte steht neben ihrem Wartburg und schraubt an einer rosa Thermoskanne. Nachsaisonerfahren die Frau. „Auf Wustrow, da waren früher die Russen. Jetzt kommt da so 'n Feriencenter.“ Sagt es und nimmt einen Schluck.

Ein Drama sei der Verkauf, sagt Klaus Große. „Ich dachte immer, das ist ein Vorteil, wenn der Bund der Eigentümer von Wustrow ist – dachte, das ist ein Vorteil für die Natur.“ Steht doch der Großteil der Halbinsel seit 1992 unter dem Schutz der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union. Und liegt Wustrow nicht in der Wismarer Bucht – einem international anerkannten Vogelschutzgebiet? Einen höheren Schutzstatus könne ein Gebiet eigentlich nicht haben. Neuntöter, Sperbergrasmücke, Wechselkröte. Sogar Meerkohl wächst am Ufersaum. Über dreißig gefährdete Arten haben hier am Salzhaff ihr Refugium gefunden.

Was derzeit mit der Halbinsel Wustrow geschieht, ist unter dem Stichwort „Ausverkauf des Tafelsilbers“ bekannt geworden. So bezeichnete vor sieben Jahren der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer die Naturschutzgebiete in den neuen Ländern. Dieses Geflecht aus Nationalparks, Biosphärenreservaten und Naturparks gesetzlich zu verankern verdankt sich einem Coup engagierter Umweltschützer. Im Herbst bekam der Greifswalder Botaniker Michael Succow dafür den Alternativen Nobelpreis.

Zur gleichen Zeit begann das Bundesfinanzministerium seine Ländereien in den Schutzgebieten zu verkaufen. Im Nationalpark Müritz zwei Waldgebiete aus der strenggeschützten Kernzone; im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin ein Gebiet mit mehreren See- und Fischadlerhorsten; im Naturpark Uckermärkische Seen Flächen, die Naturschützer als Totalreservate eingestuft hatten. Neuerdings läßt der Bund seinen Waldbesitz im Thüringer Hainich vermessen – vielleicht läßt sich ja was verhökern, frotzelt man beim Naturschutzbund Deutschland.

Der Auftrag des Bundes an die Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) ist eindeutig: Verkaufen! Knapp 20.000 Hektar Naturschutzgebiete stehen zum Verkauf. Kleinere Naturschutzgebiete wie die Halbinsel Wustrow führt die BVVG nicht in ihrer Statistik.

Theo Waigel beruft sich bei dem Verkauf auf einen Passus im Haushaltsrecht. Der besagt, daß der Bund alles Vermögen, was er nicht zur Ausübung seiner Aufgaben benötigt, verkaufen muß. So soll der Haushalt von unnötigen Ausgaben entlastet werden.

Dazu gehört die Halbinsel Wustrow, von der der Leiter des Bundesvermögensamtes in Schwerin sagt, sie sei das „Bonbon“ unter den zu Verkauf stehenden Bundesflächen. 1996 startete die Treuhand Liegenschaftsgesellschaft im Bundesauftrag die Ausschreibung. Mit einer Broschüre (Titel: „Catch your Island“) pries sie ein knapp 300 Hektar großes Flurstück weltweit an. Dazu gehörten die einstige Nazikasernenstadt und eine Fläche, die unter Landschaftsschutz steht.

Als Ende Januar eine Bundestagsabgeordnete sich beim Bonner Finanzministerium erkundigte, wie es denn um den Verkauf stehe, wurde bekannt, daß der Bund zusätzlich auch das 600 Hektar große Naturschutzgebiet verkaufen wird.

Werner Blume ordnet seine Papiere. Mit der Akte Wustrow hat sich der stellvertretende Bürgermeister von Rerik in den letzten Monaten häufig beschäftigt. So oft, daß er gar nicht mehr hinsehen muß, wenn er ein Schreiben aus der Mappe angelt. Wenn Blume von dem Verkauf erzählt, kommt Bewegung in den gemütlichen Mann. Die Gemeindevertretung Rerik erfuhr erst aus der Zeitung von dem Deal zwischen Fundus und Bund. „Wir wurden übergangen“, knurrt Blume.

Dabei hätte die Gemeinde die Planungshoheit für die Halbinsel. Und die Kommunalpolitiker hatten sich mehrheitlich nun einmal für einen anderen Investor ausgesprochen. Ihr Favourit, die Archi- Nova-Gruppe, wollte auf der Halbinsel ein ökologisches Modellprojekt aufbauen. „Zukunftsinsel Wustrow“. Geplant war sanfter Tourismus, ökologischer Landbau und ein biologisches Forschungszentrum. Keine Autos, Fähre mit Solarantrieb und Niedrigenergiehäuser. Blume läßt ärgerlich die Hand auf die Papiere vor ihm fallen. „Noch zwei Tage vor dem Verkauf wurde Archi Nova im Glauben gehalten, sie wäre im Rennen. Da wurde doch mit gezinkten Karten gespielt.“

Michael Rabe kann den Aufstand in Rerik gar nicht verstehen. Der Sprecher der Fundus-Gruppe sagt, die Verhandlungen seien normal verlaufen. Und im übrigen seien die Auflagen des Bundes eindeutig. Auf dem geschützten Teil der Halbinsel sei keine Nutzung vorgesehen, die über den „jetzigen rechtlichen Status“ hinausgehe. „Wir kaufen nicht die Insel nach dem Motto: So und jetzt gucken wir mal, was wir damit machen“, sagt der Fundus- Sprecher. Und dann: „Auf Wustrow wird eine Interessenabwägung stattfinden zwischen Mensch und Natur.“

Daß dabei die Natur das Nachsehen hat, befürchtet Klaus Große. Was ihm Sorgen macht, sind die militärischen Altlasten auf der Halbinsel. Wenn der Vogelkundler für seine Kartierungen auf die Landzunge möchte, braucht er eine Sondergenehmigung. 1933 kaufte die Reichswehr Wustrow und baute dort eine Flakartillerieschule. Die Halbinsel eignete sich prima für Schießübungen auf See. Nach den Nazis entdeckte 1949 auch die sowjetische Armee das Exerziergelände und zog mit Panzern und Raketen in die weißen Kasernenhäuschen. Seitdem gilt Wustrow beim mecklenburg-vorpommerschen Landesamt für Katastrophenschutz als „kampfmittelverseuchtes Gebiet“. Das brachte der Landzunge bei Bild die Zeile „Die Todesinsel“ ein. Insbesondere Sprengstoffe und Zünder sollen dort liegen.

Und die will die Fundus-Gruppe geräumt wissen, bevor sie ihre Gäste auf die Halbinsel läßt. Die Sicherheit der Menschen müsse schließlich gewährleistet werden. Aber natürlich, sagt Fundus-Sprecher Rabe, werde man den geschützten Teil der Landzunge nur in Absprache mit dem Naturschutz räumen. In welchem Umfang, das sei noch nicht klar.

Wie so eine Munitionsberäumung aussieht, verrät ausgerechnet der Verkaufskatalog. Ein Foto zeigt die einstige Nazigarnisonsstadt nach der Beräumung 1996. Meterhohe graubraune Erdwälle türmen sich hintereinander, auf rund hundert Hektar steht kein Grashalm mehr. Das gleiche befürchtet Große nun auch für das Naturschutzgebiet. „Die pflügen die ganze Halbinsel einen Meter tief um.“

Die Kosten dafür übernimmt der Bund. In einem Schreiben des Bundesfinanzministeriums heißt es: „Soweit Munitionsberäumung im Naturschutzgebiet möglich und notwendig ist, übernimmt der Bund begrenzt auf drei Jahre und bis zur Höhe des Kaufpreises die Kosten.“ Die Landzunge sei ein Schnäppchen für Fundus, meint Kommunalpolitiker Blume. Mit Munitionsberäumung inklusive gingen die Kosten endgültig gegen Null. Blume wischt mit der Hand über den Tisch. „Die Kaufsumme steht doch nur auf dem Papier.“

In Rerik ist man sauer. So sehr, daß der Gemeinderat schon erwog, gesammelt zurückzutreten. Bei ihrer Kritik wissen sich die Reriker in guter Gesellschaft. Bundesumweltministerin Angela Merkel reagierte verschnupft auf den Verkauf der Landzunge. Der Vorgang sei ein Negativbeispiel, gab Merkel öffentlich kund.

Eine Chance, ihre Zukunftsinsel doch zu verwirklichen, sehen die Küstenbewohner noch. Geschäfte des Bundes über zehn Millionen Mark muß der Bundestag absegnen. Und da müßte dann auch endlich der Kaufvertrag offengelegt werden. Blume wedelt mit seinen Papieren. „Und dann werden wir prüfen, ob die Interessen der Kommune, des Kreises, des Landes und die Naturschutzrichtlinien der EU genügend berücksichtigt wurden.“

Klaus Große ist mit der Halbinsel alt geworden. Vor dreißig Jahren durchstreifte er das erste Mal die Landzunge vor Rerik – mit einem Militärposten an der Seite. Die sowjetischen Soldaten brauchten den gelernten Tierarzt für den kaserneneigenen Schweinebestand. Damals sah er auch den Sandhagen, die schmale Nehrung am Ende der Halbinsel, zum ersten Mal. Der Hobbyornithologe war begeistert. „Da brüten haufenweise Limikolen.“ Viele dieser Wattvögel sind heute geschützt, wie der Sandregenpfeifer oder die selten gewordene Zwergseeschwalbe.

Als die letzten Reste der sowjetischen Armee gegangen waren, sah Vogelschützer Große seinen Sandhagen schon als Reservat. Statt dessen kommen die Kölner Investoren. Da sei es doch blauäugig, sagt Große, zu glauben, daß alles so bleibe, wie es ist. Er tastet mit dem Fernglas noch einmal die Bucht am Salzhaff ab. „Eine Gruppe von Gänsesägern.“ Dann stapft der Vogelmann zurück nach Rerik. Auf explosive Munition ist er bei Streifzügen wie diesem noch nie gestoßen. Nur auf verrostete leere Patronenhülsen.


Berliner Zeitung vom 22.05.1998 

  1. Die Ostseegemeinde Rerik will sich mit dem Verkauf der Halbinsel Wustrow an die Kölner Fundus-Gruppe nicht abfinden: REPEin stilles Eiland hinter Stacheldraht


Die Ostseegemeinde Rerik will sich mit dem Verkauf der Halbinsel Wustrow an die Kölner Fundus-Gruppe nicht abfinden REPEin stilles Eiland hinter Stacheldraht

  • Von

  • Frank Nordhausen
  •  22.05.98, 00:00 Uhr


RERIK, im Mai. Die Welt in Rerik endet an einer Mauer. "Betreten strengstens verboten Explosionsgefahr", warnt ein Schild in roter Schrift. Seit fünfzig Jahren schon trennen Beton und Drahtzaun das Ostseebad nahe Wismar von einer tausend Hektar großen Landzunge namens Wustrow. "Hier beginnt die verbotene Zone", sagt Heike Hollmann. Für fünf Mark Eintritt führt die junge Frau Touristen in die Welt jenseits der Mauer. Durch eine Allee von Pappeln geht es bis zur verlassenen Garnison, aus der 1993 die letzten von einst 3 000 sowjetischen Soldaten abrückten. Seitdem haben Tausende Besucher die verfallenen Gebäude, die von Gras und Wildblumen überwucherten Exerzierplätze, die verlassenen Schlaf-, Geschäfts- und Gefängnisräume besichtigt. Hinter der Geisterstadt liegen Felder, Wiesen und ein Naturschutzgebiet von 670 Hektar, wo Seeadler, Sperbergrasmücken und Neuntöter brüten.Das alternative KonzeptEs ist schön in Wustrow. So schön, daß die Investoren Schlange standen, als die Rostocker Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft (TLG) das Ostseejuwel 1996 weltweit zum Verkauf anpries. "Catch your Island", hieß der Lockruf. Von mehr als hundert Interessenten blieben am Schluß drei übrig; und den Zuschlag bekam am 5. Februar dieses Jahres die Kölner Fundus-Gruppe. Fundus ist bekannt für seine Fondsgesellschaften, die exklusive Bauten wie das Adlon-Hotel und die Friedrichstadt-Passagen in Berlin errichten. In der einst verbotenen Zone wollen die Kölner auf rund 190 Hektar eine Wohn- und Ferienanlage für 2 000 Leute bauen, dazu einen Reiterhof und einen 18-Loch-Golfplatz.Gut für Fundus aber auch gut für Rerik? "Nein", sagt Bürgermeister Wolfgang Gulbis. Seit dem Rostocker Abschluß befindet sich seine Gemeinde im Streit. Im Streit mit der TLG, im Streit mit dem Bundesvermögensamt und überhaupt mit "denen in Schwerin und Bonn". "Sie haben Wustrow verschenkt", ärgert sich Gulbis. Er fährt mit dem Finger über die Landkarte an der Wand des Ratssaales. "Und das komplette Naturschutzgebiet dazu!" Der 39jährige klagt, Fundus wolle in Wustrow "luxusmäßig" bauen. "Aber wo sollen denn all die Golfspieler herkommen?"Bürgermeister Wolfgang Gulbis und seine Stadtverordneten wollen sich mit dem Verkauf der Halbinsel Wustrow an die Kölner Fundus-Gruppe nicht abfinden. Immerhin hatten sie bis 1994 noch darauf spekuliert, den Schatz vor ihrer Haustür selbst zu heben bevor das Bundesvermögensamt seine Ansprüche auf das Gebiet geltend machte. "Es waren natürlich erhebliche Hoffnungen vorhanden", sagt der Bürgermeister. Wie an der gesamten Küste richten sich die Erwartungen der 2 090 Einwohner vor allem auf den Tourismus auf den "sanften Tourismus".Wer nach Rerik kommt, sucht Ruhe und Ferien auf dem Land, glaubt der Bürgermeister. "Man parkt den Daimler um die Ecke und holt die Jeans raus", sagt er. Es gibt im Ort nur ein Hotel, aber viele Privatquartiere, die im vergangenen Jahr etwa 250 000 Gäste beherbergten. Mit Bundesmitteln hat die Gemeinde eine Seebrücke, Strand-WCs und eine Aussichtsplattform auf den Dünen angelegt. Immer mit Blick auf Wustrow, denn von der Entwicklung der Halbinsel versprach sich Rerik vor allem eines: Arbeitsplätze, Arbeitsplätze, Arbeitsplätze. Nun herrscht Katerstimmung im Rathaus die Gemeinde hat auf eine andere Karte gesetzt. Sie bevorzugte das Konzept der Firma Archi Nova aus Stuttgart, die 300 Arbeitsplätze in einer autofreien "Zukunftsinsel Wustrow" verhieß. Wie Fundus wollten die Schwaben zwar für rund 300 Millionen Mark Wohnungen bauen und verkaufen, aber im Gegensatz zum Kölner Konkurrenten mit alternativer Energieerzeugung, biologischer Landwirtschaft und einer solargetriebenen Fähre über das Salzige Haff.Die ökologischen Projektentwickler leisteten geduldige Überzeugungsarbeit und fanden Anklang für ihr Projekt einer "Symbiose von Mensch und Natur" wohl nicht zuletzt, weil sie eine enge Kooperation mit der Stadt versprachen. Im März 1997 setzte der sogenannte Vergabeausschuß von Vertretern der Gemeinde, der Treuhand, der Ministerien und der Wirtschaft Archi Nova auf Platz eins der Investorenliste vor Fundus."Und dann wurde Wustrow bei Nacht und Nebel an Fundus verkauft", empört sich Wolfgang Gulbis. Bis zuletzt habe man Archi Nova im Glauben gelassen, doch noch zum Zuge zu kommen schließlich hatten sich die Schwaben zur Stärkung ihrer Finanzkraft Ende letzten Jahres mit der auf Platz drei gesetzten Investorengruppe Lion-Bau aus Mülheim-Kärlich zusammengetan. "Wir können es zwar nicht beweisen, aber es war wohl nie das Ziel, an jemand anderen als Fundus zu veräußern", sagt Gulbis. Es klingt, als habe einmal mehr der herzlose Kapitalismus über das allgemein Gute gesiegt.Bei der Rostocker TLG hört sich das prosaischer an: Archi Nova habe im vergangenen Sommer die Finanzierung des Projekts in Höhe von zunächst 40 Millionen Mark nicht nachweisen können. Deshalb habe man auftragsgemäß die Verhandlungen mit der auf Platz zwei gesetzten Fundus-Gruppe aufgenommen. Ein Sprecher gibt zu, daß die Verhandlungen mit Archi Nova fortgesetzt wurden, um ein Gegengewicht zu Fundus zu haben eine nicht unübliche Praxis.Vorwürfe und GerüchteDas Gestrüpp der gegenseitigen Schuldzuweisungen und Verdächtigungen beim Verkauf von Wustrow ist dennoch schwer zu lichten. Die einen sagen, da hätten mal wieder die "Wessis" geschoben. "Sie müssen sich vor Augen halten, daß der Leiter der Rostocker TLG ein Studienfreund von Fundus-Chef August Anno Jagdfeld ist", sagt Reriks Bürgermeister Wolfgang Gulbis.Seine Widersacher kolportieren, beim Zusammenspiel zwischen der Stadt und Archi Nova sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Bereits im Vorfeld seien Grundstükke verteilt und Einflußsphären abgesteckt worden. "Von unserer Seite hat es so was nicht gegeben", erklärt dazu Archi-Nova-Geschäftsführer Gerd Hansen. Und auch bei Fundus heißt es: "Niemand ist mit dem Scheckbuch herumgelaufen!" Im vergangenen Sommer kamen dann Gerüchte auf, Archi Nova sei mit einer Sekte verbandelt, was sich schnell als haltlos erwies. SPD-Mann Gulbis wittert hinter diesem und ähnlichem "Störfeuer" vor allem den politischen Gegner. Der CDU-Kreisvorstand in Bad Doberan habe die Verhandlungen mit Archi Nova hintertrieben, meint er, "weil wir eine rote Insel im schwarzen Meer darstellen". Natürlich weist der örtliche CDU-Landtagsabgeordnete Christoph Brandt dies zurück, aber seine Antipathien kann er nur schwer verhehlen: "Humus-Klos und Erdhäuser sind keine Alternative. Es muß Geld reinkommen, und das kommt nicht von Wanderern und Radfahrern." Nun mag man den Stuttgarter Öko-Bauherren vieles vorwerfen, aber mit Geld können die Schwaben umgehen. Auch bei der TLG gilt Archi Nova als "unbestritten seriös". Die Firma hat umweltfreundliche Wohnsiedlungen auf Usedom und im sächsischen Hohnstein errichtet und baut zur Zeit Deutschlands erstes Öko-Kaufhaus in einer alten Mühle bei Stuttgart ein 40-Millionen-Projekt, das laut Geschäftsführer Hansen bereits "komplett vermietet" ist. "Da wird ein Umsatz von 30 Millionen angepeilt, und den erreicht man nicht, wenn man nur Ökofreaks anspricht", sagt er.Daß umgekehrt Fundus in finanziellen Schwierigkeiten sei, läßt sich ebensowenig belegen. Doch im Reriker Rathaus stellt man es so dar: Fundus sei pleite und wolle lediglich sein Luxus-Bad im nahen Heiligendamm vor unliebsamer Konkurrenz schützen, indem Wustrow "pro forma" gekauft und dann quasi "auf Eis gelegt" werde. Ist denn Heiligendamm nicht der Beweis für die Finanzschwäche der Kölner? Schließlich verfällt die "weiße Stadt am Meer", obwohl schon im letzten Herbst dort gebaut werden sollte!Der Fundus-Sprecher Michael Rabe nimmt die Vorwürfe gelassen. In Heiligendamm fehlten bislang die Bebauungspläne und Genehmigungen, doch Ende des Jahres gehe man sicher an den Start. Das übrige Gerede sei "abwegig": "Es wäre ein teures Vergnügen, für Wustrow zwölf Millionen zu bezahlen, um dann nichts zu tun. Heiligendamm ist exklusiv, Wustrow eher still beide Projekte ergänzen sich." Mit der Gemeinde Rerik werde man schon einig werden. "Was die jetzt dort veranstalten, ist auch ein bißchen Theaterdonner."Henning Klostermann, umweltpolitischer Sprecher der SPD im Schweriner Landtag, nennt jedoch den Verkauf des wertvollen Naturschutzgebietes "einfach skandalös": "Im Bayrischen Wald wäre so was nicht passiert." Fundus hatte dies aber zur Kaufbedingung gemacht, da der Bund sich nicht bereit erklärt habe, das Gelände von der Munition zu beräumen, die man im Boden vermutet. Drei Millionen Mark aus dem Kaufpreis sollen dafür aufgewendet werden.Was Beräumung heißt, kann man direkt hinter der Wustrower Mauer besichtigen Erdlöcher, Sandberge, kurz: Wüste. "Das Gelände wird zwei Meter tief umgegraben", sagt Klostermann, "dann ist es kein Naturschutzgebiet mehr und kann bebaut werden. Die einzigartige Flora und Fauna wird dem Kommerz geopfert.""Unsinn", entgegnet Fundus-Sprecher Michael Rabe. Man wolle nur Gebiete am Strand und im Wald beräumen, die für Surfer und Wanderer leicht zugänglich sind, und auch das nur in Abstimmung mit dem Naturschutz. "Eine Bebauung kann es im Naturschutzgebiet nie geben. Wer die Rechtslage kennt, weiß das."Hoffen auf den Bundestag.Im Fall Wustrow hat das letzte Wort nun der Haushaltsausschuß des Bundestages, der am kommenden Mittwoch tagt. Henning Klostermann schrieb Ende April sogar an den Bundeskanzler: Er möge doch sein Veto gegen den Verkauf des Naturschutzgebietes einlegen. Bürgermeister Gulbis hofft auf ein "Nein" der Abgeordneten, sieht aber noch eine Lösung. "Wir haben der TLG angeboten, den Vertrag von Fundus zu übernehmen und legen sogar noch 500 000 Mark drauf", sagt er. "Dann verwirklichen wir das Konzept, das wir gut finden. Wir haben auch Banken, die das finanzieren." Flankierend sammelt eine Bürgerinitiative in Rerik Unterschriften gegen die Kölner Investoren. Auch eine Klage wird erwogen. Doch ob Archi Nova oder Fundus den Arbeitslosen in der kleinen Stadt ist das Tauziehen mehr oder weniger egal. "Hauptsache, es passiert überhaupt irgendwas", sagt ABM-Kraft Heike Hollmann, die Fremdenführerin in der Geisterstadt von Wustrow.


Strafanzeige gegen den Verkauf der Halbinsel Wustrow


Junge Welt: Strafanzeige gegen Wustrow-Verkäufer, Ausgabe vom 26.06.1998

Ostseebad Rerik: Widerstand gegen Verscherbelung des NSG

Von Sven Ehling

Das mecklenburgische Ostseebad Rerik besteht auch nach der am Dienstag erfolgten Genehmigung des Verkaufs der Halbinsel Wustrow - inklusive Naturschutzgebiet (NSG) - durch den Bonner Haushaltsausschuß auf seinem Vorkaufsrecht. Damit werde dem mehrheitlichen Willen der Reriker Rechnung getragen, sagte Bürgermeister Wolfgang Gulbis. Das »Aktionsbündnis für Wustrow« habe Strafanzeige gegen das Bundesvermögensamt und die bundeseigene Treuhandliegenschaftsgesellschaft gestellt. Es werfe beiden Untreue gegenüber der Bundesrepublik vor, da sie nicht das höchste Gebot berücksichtigt hätte. Käufer der Halbinsel ist die Kölner Fundus-Gruppe.

Der Haushaltsausschuß hatte den Verkauf genehmigt, weil andere Bieter angeblich weder über genügend Geld noch über ein realisierbares Konzept verfügen. Für Oswald Metzger, den haushaltspolitischen Sprecher von Bündnis 90/Grünen, ist das »ein Trauerspiel«, damit habe sich der Ausschuß als Kontrollinstanz des Bundes lächerlich gemacht. Sämtliche Informationen über den »skandalösen Verlauf des Vergabeverfahrens haben die Haushälter der Koalition unbeeindruckt« gelassen. Selbst gezielt gestreute Diffamierungen des Konkurrenzinvestors seien argumentativ verwendet worden. Damit habe man den Menschen im Osten nur eines bewiesen: »Kontakte muß man haben.«

Dabei ist gerade die Fundus-Gruppe in letzter Zeit arg umstritten. An der Ostseeküste hatte sich Fundus-Chef Anno August Jagdfeld mit dem nahezu kompletten Aufkauf des Seebades Heiligendamm, das zu DDR-Zeiten Kurkliniken für Haut- und Atemwegserkrankungen beherbergte, kaum Freunde gemacht. Noch kein Baugerüst steht an einer der 26 klassizistischen Villen, aus denen sämtliche Mieter vertrieben worden sind. Den Grund vermutet der »Spiegel« in einer argen Finanznot des Investors. Gerade einmal 50 der 400 versprochenen Millionen Mark habe Jagdfeld zusammenbekommen - eine Subvention des Bundes und des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Auf Wustrow will Jagdfeld jetzt ein Fünf-Sterne-Hotel, eine 18-Loch-Golf- Anlage und viele teure Wohnungen bauen.

Die Anleger mit den benötigten 200 Millionen Mark dürften auch für das Wustrow-Vorhaben der Fundus-Gruppe nicht gerade Schlange stehen. Die Rendite des »Fundus Fonds 34 Grand Hotel Heiligendamm« ist jedenfalls alles andere als üppig. Für die Mindestanlage von 100 000 Mark erhalten die Anleger nur eine Ausschüttung von 2 000 Mark. Die Fundus-Gruppe errechnete dagegen einen persönlichen »Anlegernutzen« von 5,8 Prozent. Dazu müssen die Anleger allerdings jedes Jahr im Grand Hotel absteigen, wo sie einen Preisnachlaß zwischen 30 und 60 Prozent auf die durchschnittlich 500 Mark teuren Zimmer bekommen. Und so wirbt Fundus im Fondsprospekt um Investoren, »die nicht nur an die Rendite denken«.


Mit diesen vagen Hoffnungen will sich die Reriker Bevölkerung nicht zufriedengeben und präferiert statt dessen für die Halbinsel Wustrow das Konzept der Stuttgarter Gruppe Archi Nova, das einen »sanften Tourismus« vorsieht. Im Gegensatz zur Fundus-Gruppe erhebt Archi Nova auch keinen Anspruch auf die geschützte Fläche auf der 1 000 Hektar großen Halbinsel, ein 700 Hektar umfassendes Naturschutzgebiet. Den Miterwerb der geschützten Fläche hatte Fundus zur Kaufbedingung gemacht, angeblich nur, um es von Minen räumen zu können.

Auch im Schweriner Landtag regt sich mittlerweile in allen Fraktionen Widerstand gegen das Projekt der Fundus- Gruppe; selbst Landwirtschaftsminister Martin Brick schickte einen Protestbrief gegen den Verkauf der Naturschutzfläche nach Bonn. Der umweltpolitische Sprecher der SPD, Henning Klostermann, warf der CDU-Landesvorsitzenden, Bundesumweltministerin Angela Merkel, vor, sie habe nach anfänglicher Zusicherung, beim Bund gegen den Verkauf zu votieren, offensichtlich kapituliert.

Reriks Stadtverwaltung hat noch nicht aufgegeben. Schließlich könne Fundus ohne sie nichts machen, da Baurecht immer von der zuständigen Kommune geschaffen werden müsse.


© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de    28/98 03. Juli 1998

    

Halbinsel Wustrow: 1000 Hektar Landschaft werden zur Immobilie
Sansibar im Schlußverkauf
von ThorstenHinz

Das mecklenburgische Ostseebad Rerik und die Halbinsel Wustrow, ein paar Kilometer nordöstlich von Wismar gelegen, sind ein Idyll. Weil Idyllen es an sich haben, aus der Welt zu fallen, finden Sehnsüchte in ihnen kein Ende, sie beginnen hier erst richtig. Als der junge Alfred Andersch 1938 an der Ostseeküste entlangwanderte, empfand er "eine Art magische Qualität" dieser Gegend. Zwanzig Jahre später wurde Rerik Schauplatz seines in der NS-Zeit spielenden Romans "Sansibar oder der letzte Grund", in dem es heißt: "Man mußte Rerik verlassen, erstens, weil in Rerik nichts los war, zweitens, weil Rerik seinen Vater getötet hatte, und drittens, weil es Sansibar gab, Sansibar in der Ferne, Sansibar hinter der offenen See, Sansibar oder den letzten Grund." Sansibar, das ist die Chiffre für Freiheit, für Flucht vor Zwängen und vor Vereinnahmung durch den Staat. In der DDR übrigens wurde das Buch erst 1990, kurz vor Toresschluß, verlegt. Vor allem, weil die meisten Leser "Sansibar" als Synonym für den "Westen" interpretiert hätten, auf den die Tagträume von einem besseren Leben projiziert wurden.

Gründe, von hier wegzugehen, gibt es auch heute. "Los" ist hier nicht viel, und die Söhne stecken gemeinsam mit den Vätern in der Arbeitslosigkeit. Doch wohin? Der 2000-Seelen-Ort Rerik ist vor acht Jahren selber Sansibar geworden, doch spätestens seit der vorigen Woche, als der Haushaltsausschuß des Bundestages einen von der Rostocker Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) mit der Kölner Fundus Gruppe eingefädelten Immobiliendeal über die Halbinsel Wustrow mehrheitlich abnickte, kehrt das Gefühl der Fremdbestimung zurück.

Wustrow ist ein reizvoller Landzipfel, der das boddenartige Salzhaff gegen die offene See abschirmt. Es handelt sich um 28 Kilometer Strand und Steilküste, um eine Fläche von fast 1000 Hektar, davon rund 200 Hektar Landschaftsschutz- und 670 Hektar Naturschutzgebiet, die in einer Mischung aus Fürstenabsolutismus und Marktschreierei unter dem Slogan "Catch your island" feilgeboten wurde. Das Ganze kostete schlappe 12,5 Millionen Mark, das sind 1,75 Mark pro Quadratmeter. Versprochen hat Fundus, 300 Millionen Mark auf Wustrow zu investieren, eine Nobel-Ferienanlage mit Golfplatz und Reiterhof. 200 Arbeitsplätze sollen dabei abfallen.

Die Gemeinde hat Widerstand angekündigt und will an ihrem Vorkaufsrecht festhalten, ein Aktionsbündnis hat Strafanzeige gegen das Bundesvermögensamt und die Rostocker TLG gestellt. Nur vordergründig handelt es sich um einen neuen Ost-West-Konflikt.

Wieder fühlt man sich in Rerik unter die Vormundschaft unsichtbarer Seilschaften gestellt – der Fundus-Chef und der Leiter der Rostocker TLG sind Studienfreunde. Die Konzeption der Gemeinde wurde übergangen; sie hatte die Württemberger Archi Nova Gruppe als Investor favorisiert, mit der sie sich bereits über eine umweltfreundliche Modellsiedlung verständigt hatte. Nun wird befürchtet, daß die Tage der wertvollen Naturreservate, die sich im Schatten jahrzehntelanger militärischer Absperrung gebildet hatten, gezählt sind. Um das Gelände von Munition zu räumen, müßte es zwei Meter tief umgegraben werden, von der geschützten Flora und Fauna wäre dann nichts mehr übrig. Fundus versichert, den Naturschutz berücksichtigen zu wollen, aber inzwischen gibt es auch in Mecklenburg-Vorpommern genügend Beispiele, daß erst Fakten – abgeholzte Wälder, zubetonierte Schutzgebiete – geschaffen und dann sanktioniert werden. Vor allem aber fürchten die Einwohner, mit dem Machtantritt von Fundus der Arroganz des großen Geldes ausgeliefert zu sein, zu Fremden im eigenen Haus zu werden. Als abschreckendes Beispiel steht ihnen Heiligendamm, das älteste deutsche Seebad 15 Kilometer weiter östlich, vor Augen. Die unter Denkmalsschutz stehende "Weiße Stadt" wurde samt 560 Hektar ebenfalls der Fundusgruppe zugeschlagen – für 18 Millionen Mark. Doch von den angekündigten Investitionen in Höhe von 600 Millionen Mark ist hier nichts zu sehen. Die Häuser verrotten, Post, Drogerie, Konsum, Gaststätten sind "freigezogen". Allein 1997 haben 40 Mietparteien den Ort verlassen.

Entweder steckt dahinter ein brutales Kalkül, das auf die Vertreibung der Einwohner hinausläuft, um Platz für den Geldadel zu schaffen, oder Fundus hat sich finanziell übernommen, oder beides. Es ist interessant, daß Fundus Wustrow sofort mit 90 Millionen Mark beleihen kann. So wäre der Kauf als Geldbeschaffungsmaßnahme plausibel. Weiter wird in Rerik spekuliert, daß Wustrow gekauft wurde, um es als potentielle Konkurrenz für Heiligendamm auszuschalten. Die Menschen jedenfalls, die hier wohnen, interessieren in diesen Planspielen einen Dreck. Fundus-Projektleiter Claus Wahrlich wurde in der Rostocker Presse mit dem Satz zitiert, eine Schranke zur Halbinsel sei nicht nötig, denn "die Tasse Kaffee und das Stück Kuchen für 14,50 Mark werden die Spreu schon vom Weizen trennen".

Als "Weizen" fühlt sich zweifellos sein Chef Anno August Jagdfeld. Dieser Leistungsträger und Held unserer Zeit faßte in einem Interview seine Vision vom "Aufschwung Ost" so zusammen: "Kein einziger Flop", "von der aktuellen Marktschwäche verschont", "hohe Eigenkapitalanteile", "Verlustzuweisung fürs Finanzamt", "Mietgarantien", "Steuervorteile für die Anleger", "Qualität der Projekte", "zehn Prozent Denkmalschutz-Abschreibung plus zwei Prozent Ausschüttung ab dem zweiten Betriebsjahr", "Verlustzuweisung für die Investitionsphase", "Nachlaß auf die Logiskosten", "zahlungskräftige Gäste". – An diesem Vokabular zerschellen die Revolutionslyrik von 1989 und die freiheitlich-demokratischen Glücks- und Emanzipationsversprechen. – "Unterricht ... in Flucht als Protest", hatte Arno Schmidt 1957 zu "Sansibar oder der letzte Grund" angemerkt und, wie in Anspielung auf den ausgreifenden Ökonomismus, ratlos hinzugefügt: "Aber wohin heute?!" Vierzig Jahre später ist diese Ratlosigkeit auch in Mecklenburg angekommen.

Auch in puncto Politik ist der Wustrow-Verkauf lehrreich. Von Bundesumweltministerin Merkel, die zugleich CDU-Landesvorsitzende ist, weiß man, daß sie gegen den Verkauf ist, nur hat sie in Bonn nichts zu sagen. Von der Landesregierung aus CDU und SPD ist nach aller Erfahrung ebenfalls nichts zu erwarten, die "Große Koalition" ist eine Große Nullösung. Die PDS, von der sich die Legende hält, sie sei die authentische "Stimme des Ostens", ist fest auf die Rolle des verläßlichen Narren im Parteienkartell abonniert, statt mit Sachfragen profiliert sie sich als Nachlaßverwalter des Ideologiemülls, zu dem die Grünen sich nur noch ausnahmsweise öffentlich bekennen. Freie Bahn also für Polit-Hallodris, um auch in "Meckpom" mit der Losung hausieren zu gehen: "Laß dich nicht zur Sau machen!" Die nächsten Wahlen zum Schweriner Landtag finden parallel zu den Bundestagswahlen am 27. September statt. Es ist keineswegs unwahrscheinlich, daß die DVU bei dieser Gelegenheit ihren Wahlerfolg von Sachsen-Anhalt wiederholt.

   



ECW - Halbinsel Wustrow

DIE WELT

Southampton an der Ostsee



  Veröffentlicht am 04.02.2007 | Lesedauer: 5 Minuten
    Von Roland Mischke  

 Das fast 300 Hektar große Wustrow an der Ostsee liegt seit Jahren brach. Dabei hat die Entwicklungsgesellschaft Fundus große Pläne für Ferienhäuser, Golfplatz und Marina. Doch die angrenzende Gemeinde Rerik sperrte die Zugangsstraße für Baufahrzeuge. Sie fürchtet zunehmenden Durchgangsverkehr von Touristen

Ein massiver Zaun, dahinter ein Wachmann im Drill mit derben Knobelbechern, erregtes Hundegebell. Auf einem Schild steht in großen Lettern "Betreten strengstens verboten". Nur autorisierte Personen dürfen über den Wustrower Hals, eine schmale, befestigte Düne, auf die Halbinsel. "Wir halten Wustrow auf Stand-by", sagt Johannes Beermann, Generalbevollmächtigter der Fundus-Gruppe, der das Eiland gehört. Die in Köln residierende Entwicklungsgesellschaft, die das Hotel im Ostseebad Heiligendamm und in Berlin das "Hotel Adlon" baute, hat 2004 die zehn Kilometer lange und zwei Kilometer breite Insel zwischen Rostock und Wismar zugesperrt.

Der 46-jährige Rechtsanwalt Beermann führte einst die Verhandlungen mit der Stadt Rerik, die über die Zufahrtsstraße nach Wustrow - nicht zu verwechseln mit Wustrow auf dem Darß - planerische Hoheit hat. Sie sperrte die Straße für Baufahrzeuge, keine Materialien konnten auf die Halbinsel gebracht werden. "Der Sinneswandel trat innerhalb einer Stunde ein", so Beermann. "Das Vertragswerk war fertig, wir waren im April 2003 zum Unterzeichnen angereist. Bürgermeister Wolfgang Gublis hielt uns hin und erklärte plötzlich, er werde nicht unterschreiben."

Peter Sähn, 69, Projektkoordinator der ECW Entwicklungs-Compagnie Wustrow, hält Gublis für schwierig. Der holsteinische Diplomkaufmann in Diensten der Fundus-Tochter hat an sämtlichen Verhandlungen teilgenommen und lebt seit 1990 vor Ort. "Zurzeit läuft ein Verfahren gegen Gublis, es ist kompliziert, weil er schlau genug war, sich nie auf etwas Schriftliches einzulassen. Bleibt er an der Spitze der Verwaltung, wird es keinen Dialog, keine Befriedung geben."

Im rumpelnden Jeep geht es über die Insel. Caspar-David-Friedrich-Atmosphäre. Beidseitig der kopfsteingepflasterten, von Pappeln gesäumten Allee entfaltet sich wild wuchernde Natur mit mächtigen alten Eichen, Rudeln von Apfelbäumen und verwilderten Weiden, mit Salzwiesen, Schilfgürteln, Dünen und auf der Wattseite mit kniehohem Wasser zwischen entwurzelten Stämmen, auf denen bräsige Kormorane hocken. Ornithologen blicken mit verklärten Gesichtern durchs Fernglas auf Seeadler, Gänsesäger und geschützte Wattvögel.

Für zwölf Millionen Deutsche Mark hat der Bund 1998 seine Besitzrechte an der Halbinsel abgetreten, das einstige Militärgebiet war ihm nach der Wende zugefallen. "Das Bonbon", wie man Wustrow im Bundesvermögensamt nannte, wurde ausgeschrieben, erhielt eine eigene Broschüre, "Catch your Island" betitelt. Aus aller Welt gingen für das fast 300 Hektar große Flurstück, dreimal so groß wie Monaco, Angebote ein. "Das umfasst die Bereiche Wohnen und Landschaft, wo auch der Golfplatz zwischen Meer und Bodden entstehen soll", erklärt Peter Sähn. "Der größte Teil der Insel ist Naturschutzgebiet, rund 700 Hektar, da wird nicht gebaut."

Fundus erhielt den Zuschlag, ließ amerikanische Stadtplaner einfliegen und plant 180 Ferienwohnungen, bis zu 200 Quadratmeter groß, und 159 Einzel- und Doppelvillen für erholungsbedürftige Besserverdiener. Fundus-Chef Anno August Jagdfeld möchte Wustrow zum "Southampton an der Ostsee" machen, mit einer Marina für 240 Jachten und einem 27-Loch-Golfplatz. 250 Arbeitsplätze sollen geschaffen, bis zu 70 Azubis in Dienst genommen werden. "Natur, Entspannung und Wellness auf höchstem Niveau. Der verschlafene Landstrich wird zur Jobmaschine", verkündet Johannes Beermann.

Die Ablehnung der Fundus-Pläne durch die Stadt Rerik wird begründet mit der Verkehrsbelastung, sämtliche Autos zur Insel müssten den Ort durchfahren. Zudem soll Wustrow nicht mehr Gäste haben als Rerik mit seinen 1700 Einwohnern. Auch der riesige Golfplatz gilt als Problem, das Wasser könnte knapp werden. Beermann widerspricht: "Wasser und Erdwärme holen wir aus der Erde, in 90 bis 100 Meter tiefen geologischen Schichten ist alles vorhanden, um autark wirtschaften zu können."

Die Halbinsel hat eine wechselvolle Geschichte. Auf Weisung Adolf Hitlers wurde Wustrow 1934 militärische Zone. Die Wehrmacht baute das Terrain generalstabsmäßig aus. Flugplatz, Flakartillerie zur Luftabwehr, Schießplatz, dreistöckige Kasernen, Offiziershäuser, Kasino. Erst wurden Urlauber vertrieben, dann die Insulaner. Von 1934 an durfte kein Zivilist mehr die Insel betreten. Eine jahrhundertelange Idylle war zu Ende, der traditionsreiche Ackerbau auf fruchtbarem Land eingestellt, die Natur belastet. Bis heute ist sie beschädigt, der Boden kontaminiert mit militärischen Altlasten, mit Sprengstoffen, Kampfseuchemitteln, Zündern, Öl und Diesel.

Das meiste stammt von den Russen. Sie hatten die Insel nach dem Krieg übernommen, 1993 zogen sie ab. 2300 Panzer waren hier stationiert, jeden Morgen ab fünf Uhr hörten die Reriker das Brummen der schweren Motoren. Vom Flugplatzterminal aus wurden Übungsmanöver kontrolliert. Aus dem Tower kann man bei gutem Wetter bis nach Wismar und zur Fehmarnbrücke schauen. Ein Wandgemälde zeigt naive Malerei: Sowjetpanzer schießen Nato-Panzer in Rauch.

"Die Offiziere haben eine Terrorherrschaft geführt", weiß Peter Sähn aus vielen Gesprächen mit Rerikern. "Vom hohen Wachtturm aus wurde Tag und Nacht beobachtet, ob jemand die Halbinsel betritt oder verlässt. Die Wächter kamen aus Festlandskasernen. Sie wurden nur mit Suppe und Brot versorgt, flohen immer wieder, wurden gefasst und standrechtlich erschossen, noch Ende der 80er-Jahre."

In der Stille am Salzhaff mag man gar nicht glauben, dass hier gelärmt und getötet wurde. Ein Schwan zieht seine Kreise und äugt nervös zu den Zweibeinern herüber. Nahebei steht die Ruine des Gutshofes, in der Admiral Göring noch 1944, als die Ostfront bröckelte, ausgelassen feierte. Der Gutsteich ist verschilft, unter alten Bäumen haben hier die Schweine im Laub nach Eicheln gewühlt. In diesem Winter hängen immer noch rote Äpfel an den Bäumen, beinahe wie Weihnachtsbaumkugeln schaukeln sie im Wind.

"Vielleicht beginnen die Arbeiten in zwei Jahren, wenn es zur Willensübereinstimmung kommt", hofft Johannes Beermann. "Dann entminen wir die Insel vollständig und öffnen sie wieder." 


Heiligendamm ECH - Halbinsel Wustrow ECW

Der Größenwahn eines Investors

Heiligendamm Ausgeweidet, betoniert, durch Zäune von der Bevölkerung getrennt. Ein Ressort für Luxusgäste, die nicht kommen
Marina Achenbach


Wie sehen die Dinge aus, wenn die Scheinwerfer ausgeschaltet sind? Für kurze Zeit war Heiligendamm, die "weiße Stadt am Meer", auf weltweites Interesse gestoßen - als der millionenteure Zaun errichtet wurde und die G 8-Spitzen im Juni ihren Gipfel abhielten. Als Tausende Polizisten aufzogen und der Protest sich nicht wegdrängen ließ. Inzwischen wird - wieder ohne gleißendes Licht - der Kleinkrieg um Wald und Wege, Denkmalschutz und Kredite fortgesetzt.


Das ist die Geschichte der ruinösen Verwandlung eines historischen Ortes. Sie handelt vom ältesten deutschen Seebad, vor 200 Jahren entstanden, bei Bad Doberan, 27 Kilometer von Rostock entfernt. Es war der Großherzog von Mecklenburg, Friedrich Franz I., der ein Kurhaus errichten ließ, nachdem sein Hofarzt hier ein günstiges Mikroklima ausgemacht hatte. Erstaunlicher Weise zog das Bad europäische Aristokraten an, sie bauten an der windigen Ostseeküste klassizistische Strandvillen mit Türmchen und Säulen. Das Grandhotel und die so genannte Hohenzollernburg mit Turm und Zinnen kamen hinzu, der Kaiser reiste mit Gefolge an. Bürgerliche Berliner, auch jüdische Familien bauten im Windschatten der Hotelanlage weitere Villen in verspielten Gärten. Dem ersten architektonischen Entwurf passten sich die Nachfolger an, ein Spleen vielleicht, eine Art Kulisse, die sich bewährte. Bis vor wenigen Jahren blieb all das leicht bröckelnd, mit abblätternden Farben, immer wieder nur notdürftig saniert, aber prächtig und authentisch erhalten. Und darum ein Glücksfall.


Vielleicht Monte Carlo

Die Besitzverhältnisse wechselten mit den Zeiten. Im Krieg verfügte die Marine über das Areal und gab ihm einen dunklen Tarnanstrich. Dann wurde Heiligendamm wieder weiß. Die DDR richtete in der Anlage eines der beliebtesten Sanatorien des Landes und eine Lungen- und Hautklinik ein, die Strandvillen wurden Ferienheime von Betrieben. Außerdem fand hier die Hochschule für Angewandte Kunst einen Ort, mit Werkstätten in historischen Gebäuden und in Baracken, die von den Studenten nach dem Krieg zum Teil selbst gebaut wurden. Die Hochschule belebte die Gegend ungemein. In der Siedlung Heiligendamm wohnten Ärzte und Schwestern, Professoren und Studenten. Familien vermieteten Zimmer an Sommergäste. Man liebte die Künstlichkeit und den morbiden Charme des Ortes, er wurde in der DDR unter Denkmalschutz gestellt, der 1996 ausdrücklich erneuert wurde. Und doch seither fortlaufend verletzt wird.



Gleich nach der Wende ahnten die Anwohner mit gemischten Gefühlen, dass ihrem Seebad eine spektakuläre Veränderung bevorstand. Etwas Hochelegantes würde sicher entstehen, vielleicht etwas wie Monte Carlo. Das Land Mecklenburg-Vorpommern als Haupteigentümer und der Bund, Besitzer der Strandvillen, suchten einen Investor für das ganze Ensemble - die "Ein-Hand-Lösung". Bewohner wurden rausgesetzt, auch rausgeklagt. Die Hochschule kämpfte erbittert gegen ihre Schließung, die als partielle Verlagerung nach Wismar getarnt war. Sauber gestaltete Plexiglas-Schilder mit Grundrissen und historischen Angaben wurden an den Gebäuden aufgestellt. So wartete der ganze Ort auf den potenten Käufer. Der fand sich nicht sofort, bis Ende 1996 die Kölner Fundus-Fonds-Gesellschaft es wagte. Fundus erhielt die Gebäude und 520 Hektar umliegendes Land - mit Rücksicht auf den "Sanierungsauftrag" - für einen sehr guten Preis, heißt es. Der ist geheim, wie so vieles in Heiligendamm.

Chef des Fundus-Fonds ist Anno August Jagdfeld, der "Immobilienkönig, dessen Imperium stark mit Familienmitgliedern besetzt" ist (Spiegel). Er übernahm die Regentschaft über Heiligendamm und gründete die Entwicklungsgesellschaft ECH. Seine Frau, zuständig für Luxusausstattungen von Fundus-Projekten, richtete ein Architekturbüro ein, sein Schwager übernahm das benachbarte Gut Vorder Bollhagen. Die Jagdfeld-Familie reichte jüngst auch Pläne für den Umbau der eigenwilligsten, etwas abseits gelegenen Villa mit Seeblick - des Alexandrinen-Cottage - ein. Denkmalschützer waren entsetzt. Dem Gerücht nach will Jagdfeld hier künftig selbst wohnen. Aber das alles ist ein Tanz auf dünnem Eis. Der Fonds 34, der für Heiligendamm gilt, ist in Finanznöten. Im Sommer hat die HypoVereinsbank einen 15 Millionen-Kredit "aufgrund der weiterhin negativen wirtschaftlichen Entwicklung der Gesellschaft" nicht verlängert. Und die Anleger folgen dem Lockruf nicht mehr, den Fonds aufzustocken - im Gegenteil, Fondsanteile im Wert von 30 Millionen Euro waren im Sommer noch nicht verkauft, berichtete die Wirtschaftswoche am 5. Juli 2007. Anleger wollten sich zurückziehen.

Die Fahrt Richtung Küste geht durch flaches, leicht schwingendes Land. In den Äckern unterbrechen kreisrunde, morastige Sölle, Reste der Eiszeit, mit ihren Baumgruppen die Furchen. Von Rostock noch 20 Minuten bis zum Städtchen Bad Doberan mit dem wunderbaren Münster. Schon lässt sich Seeluft atmen. Heiligendamm ist über eine Linden-Allee oder mit dem kleinen Dampflokzug Molly erreichbar. Zum Strand werden die Besucher auf neuen Straßen und Wegen durch einen Wald gelenkt, mit gehöriger Distanz zum Hotel.

Grenze zwischen den Welten

Die Hotelgebäude stehen weiß und kantig da: das Grandhotel Kempinski, die Hohenzollernburg, dazu ein neuer Bau, genannt "Severin-Palais", dem historischen Stil nachempfunden, aber ein zu schwerer Klotz und eine Etage höher gezogen, als es angeblich im eingereichten Bauplan vorgesehen war. 225 Zimmer. Das alte Grandhotel wurde beim Umbau "entkernt", nur die Fassade blieb erhalten. Der Hauptkonservator Gerd Baier aus Schwerin sagte öffentlich: "Das ist kein Denkmal mehr, das ist ein Neubau." Zugleich wurden Kneipen, Cafés und Läden unter Dauerdruck zum Aufgeben gebracht und abgerissen. Bald war Fundus mit den Hotelgästen unter sich.

Nur die Besucher aus Bad Doberan störten. Angeblich drückten sie sich die Nasen an den Fensterscheiben platt. Und darum seien eigentlich sie schuld, dass nach der Eröffnung des Hotels 2003 der Gästestrom ausblieb, behauptete Jagdfeld. Er begann einen Dauerkrieg gegen die Kreisstadt Bad Doberan und andere Instanzen, um Wege, die Promenade und den Strand abzusperren. Die Bad Doberaner wehren sich, aber lassen sich auch einschüchtern. Mit den öffentlichen Wegen hatte Jagdfeld inzwischen Erfolg: ein Knie hoher Zaun, dessen Tore sich nur mit Chipcard öffnen lassen, ist die Grenze zwischen den Welten. Die Strandpromenade soll bald nur noch gegen eine Gebühr zu betreten sein. Den ans Hotel grenzenden "Kleinen Wohld" mit alten Bäumen, Windflüchtern und schönen Ausblicken aufs Meer vom "Europäischen Küstenwanderweg" aus, der ihn bisher durchzog, hat Jagdfeld im Zusammenspiel mit den Forstbehörden einige Jahre absperren lassen, um ihn schleichend als "Hotelpark" in eigene Regie zu bringen. Alle diese Maßnahmen dienen vermutlich einfach der Wertsteigerung von Grundstücken, die Jagdfeld künftig einzeln verkaufen will. Das Recht dazu hat er sich inzwischen gesichert.

Wie so oft ist es auch in Bad Doberan eine kleine, beharrliche Bürgerinitiative um die Architekten Hannes Meyer, Heike Ohde und den Rostocker Designer Axel Thiessenhusen, die versucht, Jagdfelds Konzepte und Aktivitäten zu durchleuchten. Ein unendlich mühsames Unterfangen. Die Studien, Vereinbarungen, Pläne stehen meist unter Verschluss. Auf Anfragen gibt es selten konkrete Antworten, auch nicht von Ämtern und Politikern. Von wie vielen widersprüchlichen Entscheidungen, rätselhaften Konzessionen an Jagdfeld und Fällen von Druck auf untere Behörden habe ich gehört, seit ich versuche, mir ein Bild zu machen! Es lässt sich kaum noch rekonstruieren, geschweige denn auf eine Zeitungsseite bringen. Die Initiative mit dem Namen Pro Heiligendamm will der Öffentlichkeit das Seebad als Kulturgut erhalten und den Bewohnern von Bad Doberan, wo bislang viele Familien Zimmer an Sommergäste vermieten, den Zugang dazu.


Zum Selbstmord getrieben

Welche Luxusgäste wird es überhaupt künftig in die Ödnis des steril gewordenen Heiligendamm ziehen? In ein Disneyland ohne Leben? Wie viel werden es sein, wenn wenige Kilometer weiter auch Kühlungsborn Luxushotels anbietet? Auch der Yachthafen mit der Hotelanlage Hohe Dünebei Warnemünde wäre eine Konkurrenz, die ebenfalls leer steht.

Die Initiative sagte von Anfang an: Man hätte Kulturtourismus entwickeln sollen für ein bildungsbürgerliches Publikum, das Sinn für den Reiz auch des Hinterlandes aufbringt: für kleine Dörfer in der hügeligen Landschaft mit Namen Kühlung, breite Bauernhöfe mit tiefgezogenen Strohdächern, das alte Münster in Doberan. Noch wäre wohl eine Kehrtwende möglich, meinen die Kritiker, doch jetzt sind auch noch ein Ayurweda-Zentrum in Form eines indischen Tempels und eine Thalasso-Anlage geplant. Die Jagdfeldsche Gigantomanie verschlägt den Mecklenburgern geradezu die Stimme.

Doch es herrscht im Lande Angst vor einem Bankrott des Hotelunternehmens, das zu viele mit ins Loch ziehen könnte. Beamte auf allen Ebenen stellen Bedenken zurück, um nichts "zu verderben". Bad Doberan ist von der Sorge um Arbeitsplätze paralysiert. In der Stadtvertreterversammlung gibt es regelmäßig Mehrheiten für Jagdfeld, da stimmen CDU, SPD, die Linke und die Partei Doberaner Mitte gegen die Grünen, die FDP und den Bürgerbund. Über die vierköpfige Fraktion der Linken sind viele schockiert und ihre Anhänger beschämt. Die NPD sitzt in den Startlöchern. Und weil keiner mehr "durchsieht", breitet sich Resignation aus.

Die öffentliche Hand, die schon 53 Millionen Euro für Strukturverbesserungen investiert hat, was 24 Prozent der Gesamtinvestitionen in Heiligendamm ausmacht, ist erpressbar geworden. Es muss ja weiter gehen, zu viel Geld ist schon geflossen. Und zu viel ist bereits an historischer Substanz zerstört. Bei Fundus hingegen haftet niemand. Man arbeitet mit dem Geld der Anleger, die ECH ist als Tochtergesellschaft eine GmbH KG. Bei Insolvenz bliebe ein Berg an belastetem Vermögen. Darum lässt niemand Jagdfeld fallen, da funktioniert ein Gesetz des Systems, mit dem er traumwandlerisch sicher umgeht. Er hat alle in Zugzwang gebracht, weiter zu machen.

Noch stehen sieben Strandvillen der "Perlenkette" im alten Zustand am Rand der Promenade: Fenster und Türen verrammelt, Farbe abgeblättert, dennoch apart und verlockend. Sie waren acht, die Villa Perle wurde kurz vor dem G 8-Gipfel abgerissen. Das von der russischen Großfürstin Marie erweiterte, in DDR-Zeit dem ungarischen Schriftstellerverband übertragene Haus war angeblich marode. Das glaubt niemand. Ging es um Platz für die Medientribüne zum G 8-Treffen? Oder musste sie weg, weil sie den Blick aus dem Wellness-Bereich des Severin-Palais aufs Meer störte? So wuchern bis heute die Vermutungen.

Die Bürgerinitiative erfuhr nachträglich, dass Jagdfeld schon vor drei Jahren angefragt hatte, ob er nicht die ganze Perlenkette abreißen dürfe, aber nur die Genehmigung für die Perle und noch zwei Villen, genannt Schwan und Möwe, erhielt. Zuletzt hat er das Recht durchgesetzt, die Objekte einzeln zu verkaufen. Die Kritiker befürchten, dass er für die Seegrundstücke ohne denkmalgeschützte Villen viel höhere Preise erzielen würde. So scheint ihr Schicksal besiegelt, er lässt sie verrotten und wartet ab.

Die Hotelgäste langweilen sich nach zwei, drei Tagen. Im kleinen privaten Café, das sich am Ende der Promenade noch gehalten hat, klagen sie darüber. Claudia Kapellusch, die zum letzten Jahrgang der Kunsthochschule gehörte, zeigt mir die vielen leeren Flächen, auf denen früher Läden und Kneipen standen, darunter auch die Kleine Drogerie. Die Inhaberin war den Studenten lieb, ein wenig wie eine Mutter für sie. Jagdfeld setzte sie unter Druck, den Laden aufzugeben. Um sie wurde es immer leerer. Eines Tages erfuhr Claudia von Studienkollegen, dass Frau Karin Höfer von der Seebrücke in die eisige Ostsee gesprungen und ertrunken ist.


00:00 16.11.2007
Geschrieben von

Marina Achenbach | der Freitag




Halbinsel Wustrow soll kleinster Nationalpark Deutschland werden.



 Ökologische Ideen für die Halbinsel Wustrow.















Der Fluch von Heiligendamm

EINMAL WELTRUHM UND ZURÜCK:Der Fluch von Heiligendamm



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In einer Woche kommen Spitzenpolitiker aus aller Welt zum G-7-Gipfel auf Schloss Elmau in Bayern. Das letzte Treffen dieser Art in Deutschland liegt acht Jahre zurück und fand in Heiligendamm an der Ostsee statt. Damals hat der Strandkorb das Gipfelhotel berühmt gemacht. Danach folgten nur noch negative Schlagzeilen.


Etwas scheu stehen die sechs verirrten Touristen am verschlossenen Tor. Mit ihren Trekkingjacken, teils beige, teils bunt, unterscheiden sie sich deutlich von den Gästen des Fünfsternehotels ringsum. Zwei von ihnen schieben Fahrrädermit Satteltaschen. Ihre Blicke sind leicht nach unten gesenkt, als wüssten sie, dass sie gerade etwas Verbotenes tun. „Ich lass’ Sie mal raus“, sagt die Hotelangestellte großzügig. Und öffnet mit ihrer Chipkarte das Tor.



Es ist etwa die Stelle, an der vor acht Jahren der berühmte überbreite Strandkorb stand. Die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industriestaaten posierten im Juni 2007 gemeinsam mit dem damaligen EU-Kommissionspräsidenten fürs Gruppenfoto. Es war eine perfekte Inszenierung: Sonnenschein, blaues Meer, die Journalisten wurden mit dem Dampfzug „Molli“ herangekarrt. Und ein Kompromiss zur Rettung des Weltklimas sprang auch noch heraus.

Es war der letzte deutsche G-8-Gipfel vor dem Treffen, das am kommenden Sonntag im oberbayerischen Elmau beginnt – diesmal ohne Russland. Und wie jetzt der Hotelier Dietmar Müller-Elmau auf einen höheren Bekanntheitsgrad für sein Haus hofft, so spekulierte damals eine der schillerndsten Figuren des deutschen Immobiliengeschäfts auf den entscheidenden Durchbruch für sein vier Jahre zuvor eröffnetes „Grand Hotel Heiligendamm“, dem noch die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröderden Zuschlag fürs Gipfeltreffen gab: Anno August Jagdfeld, Chef der Fundus-Gruppe aus dem rheinischen Düren.

Viel Glück hat der Gipfel ihm nicht gebracht oder genauer: den Anlegern, die ihr Geld in seinen Immobilienfonds investierten. Fünf Jahre später war das Hotel pleite. Gewinn hatte es bis dahin nie gemacht, das Gipfeljahr 2007 war immerhin das einzige ohne Verlust. Es waren Jahre voller Streit. Und diese Kämpfe haben viel mit den verdutzten Tagesbesuchern und dem verschlossenen Tor auf dem Weg zum Strand zu tun.



Fehlplatziert? Luxushotel an der ostdeutschen Küste

Aber der Reihe nach. Im Jahr 1996 hat Jagdfeld das Ensemble der historischen Badehäuser für 18 Millionen D-Mark gekauft – nicht nur das heutige Hotel, sondern die ganze Uferfront und damit einen beträchtlichen Teil des gesamten Ortes Heiligendamm, 1793 vom mecklenburgischen Herzog Friedrich Franz I. gegründet und damit das älteste deutsche Seebad. Lange hatten das Land Mecklenburg-Vorpommern und die Treuhandanstalt nach einem Abnehmer für die sanierungsbedürftigen Objekte gesucht. Auch die Stadt Bad Doberan, zu der Heiligendamm mit seinen heute 300 Einwohnern gehört, stimmte dem Geschäft zu.

Im Jahr 2003 eröffnete das Hotel, ein Traum in Weiß mit dem klassizistischen Kurhaus in der Mitte und den anderen Gebäuden ringsherum. Ein Luxushotel wie kein zweites an der ostdeutschen Küste, zwei Autostunden von Hamburg und zweieinhalb Stunden von Berlin entfernt, mit einem Restaurant, das einen Michelin-Stern eroberte. Aber zur gleichen Zeit begannen die Probleme. Das Objekt geriet ins Zentrum eines Kulturkampfs, der als Konflikt zwischen Arm und Reich, zwischen Ost und West inszeniert wurde.

Die Hotelgäste fühlten sich von Tagestouristen belästigt, die durch das Gelände streiften und ihre Fotoapparate zückten. Die Gemeinde wiederum beharrte auf einem öffentlichen Weg vom Bahnhof über das Hotelgelände zum Strand, zwischen Hauptgebäude und Wellnessbereich. Einer der oft wechselnden Hoteldirektoren befeuerte die Debatte mit dem Satz: „Ich möchte nicht, dass hier Busse aus Castrop-Rauxel kommen und die Leute auf unsere Toiletten gehen.“

Rings um das aufwendig sanierte Hotel setzte sich der Verfall derweil fort. Wer heute in östlicher Richtung die Küste entlangspaziert, passiert sechs heruntergekommene klassizistische Villen, erbaut um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Schuld am maroden Zustand dieser „Perlenkette“, wie sie im Lokaljargon heißt, schoben die Kontrahenten jahrelang hin und her. Die Stadt beklagte, dass die Jagdfeld-Gruppe mit der Sanierung nicht vorankam. Der Investor beschwerte sich über zurückgezogene Baugenehmigungen und andere bürokratische Hürden, mit denen die lokalen Autoritäten ihren Kleinkrieg führten und bereits getroffene Entscheidungen rückgängig machen wollten.


Nach der Insolvenz geht es langsam wieder bergauf

Die Kempinski-Gruppe, die ursprünglich für den Jagdfeld-Fonds die Hotelgeschäfte führte, stieg frühzeitig aus. Anschließend betrieb der Investor das Haus selbst – und scheiterte damit. „Der Anleger bekam die Hälfte vom Finanzamt zurück, den Rest muss man leider abschreiben“, sagte der Immobilien-Unternehmer später in einem Interview. Und fügte hinzu: „Es ist aber niemand mit der Kalaschnikow gezwungen worden, bei uns Fondsanteile zu zeichnen.“ Eigenes Missmanagement kann er nicht erkennen. „Offene Wege und die Debatte darum waren ein großer Teil des Problems“, lässt er über seinen Sprecher ausrichten.

Der Insolvenzverwalter gab zunächst einer Berliner Investorengruppe den Zuschlag, deren türkische Geldgeber aber den Preis nicht bezahlten. Daraufhin kam ein Mann zum Zug, auf dem nun alle Hoffnungen ruhen: Paul Morzynski, ein Steuerberater aus Hannover, der schon einmal einen ostdeutschen Traditionsbetrieb vor dem Untergang gerettet hat. 1992 übernahm er die Halloren-Schokoladenfabrik, wo er heute den Aufsichtsrat führt. Ihm kann niemand vorwerfen, er interessiere sich nur für Luxusmarken oder ruiniere den Osten.

Im Jahr 2014 machte das Hotel nun zum ersten Mal in seiner Geschichte einen – wenn auch bescheidenen – Gewinn, wie die beiden neuen Geschäftsführer beim Gespräch in der „Nelson-Bar“ stolz erläutern. Der Umsatz stieg um 12 Prozent, die Auslastung der 181 Zimmer von bescheidenen 40 auf immerhin 48 Prozent, für das laufende Jahr werden bis zu 60 Prozent angepeilt. Die Zahl der Dauerkräfte sank von rund 300 auf nur noch 170. Schon etwas angejahrte Teppichböden wurden ausgetauscht, W-Lan und Flachbildschirme installiert. Ein neuer Wellnessbereich mit Außenschwimmbad soll schon Ende nächsten Jahres auch außerhalb der Hauptsaison mehr Gäste locken.

Damit ist Jagdfeld indes nicht aus dem Spiel. Dem insolventen Fonds, der an die neuen Betreiber überging, gehörte nur das Hotelgelände selbst. Die leerstehenden Villen ringsherum sind in der Hand von Jagdfelds „Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm“ (ECH). Es war klar: Ohne eine Einigung zwischen ihr und der Gemeinde würde es nicht vorwärtsgehen.


Wustrow: Wo bedrohtes Leben sicher ist     (OZ vom 04.04.2014, Lutz Werner)                  

67 Vogel- und Pflanzenarten, die auf der „Roten Liste“ stehen, haben auf der Halbinsel Wustrow einen geschützten Lebensraum gefunden. Dr. Klaus Große plädiert in seinem Buch dafür, dass es so bleibt.                                        

Dr. Klaus Große hat ein Buch geschrieben: „Wustrow — Das Paradies in der Warteschleife“, so lautet der Titel. „Gedacht auch als Entscheidungshilfe für die Politik, diese einzigartige, unberührte Naturlandschaft zu erhalten und Pläne aufzugeben, dort für touristische Zwecke zu bauen“, sagt der 76-jährige Reriker.

Die Halbinsel Wustrow bei Rerik wurde von der Natur zurückerobert. Jahrzehntelang — bis 1994 — war sie ein von der normalen Besiedlung abgeschnittener Militärstandort der Sowjetarmee. Danach wurde sie Privatbesitz — „Betreten verboten!“. Zu einer ursprünglich geplanten Bebauung des vorderen Teils nahe Rerik kam es nie.

„27 Vogelarten, die auf der ,Roten Liste‘ stehen, haben auf der Halbinsel Wustrow ein Refugium gefunden. Und 40 Pflanzen, die ebenfalls in der Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutz-Union geführt werden. In einem unberührten Biotop, das wieder zur Wildnis wurde. Das ist etwas ganz Besonderes“, sagt Klaus Große. Und erzählt von Seeadlern, Uhus, Meerkohl, der Strand-Diestel und Blasentang. Er ist seit vielen Jahren als ehrenamtlicher Naturschützer im Auftrag des Landesamtes für Umwelt, Naturschutz und Geologie auf der Halbinsel unterwegs. Beobachtet die Tier- und Pflanzenwelt, dokumentiert die Bestandsentwicklung, schreibt darüber Berichte für das Amt und wissenschaftliche Veröffentlichungen. Aber Große kennt die Halbinsel schon seit den 1970er Jahren. Als er als Tierarzt auch in das militärische Sperrgebiet gerufen wurde, um die Hausschweine der Russen, die zum Teil Selbstversorger waren, zu impfen und nach dem Schlachten zu begutachten.„Das Buch ist sicher ein Spagat. Ich habe versucht, interessante Geschichten und Episoden über die Halbinsel aufzuschreiben. Die Menschen auf dieses Stück Erde neugierig zu machen. Aber auch wissenschaftlich dokumentiert, wie großartig der Bestand an Tieren und Pflanzen auf der Halbinsel ist“, sagt der Autor. Er weiß: „Eine Akzeptanz für den Naturschutz gibt es nur dort, wo die Menschen erleben, wie großartig unberührte Natur ist.“ Das sei jedoch mit der Halbinsel, die abgesehen vom Eigentümer und seinen Leuten, Jägern und wenigen Naturschützern niemand betreten darf, schwierig.

Daher habe er das Buch geschrieben, in dem er mit vielen informativen Texten und eindrucksvollen Fotos für den Erhalt dieser Naturlandschaft werben möchte.

Klaus Große weiß auch, dass der Eigentümer die Halbinsel gekauft hat, um Geld zu verdienen. „Das kann man heute auch mit dem Naturschutz — mit Emissionshandel, dem Ausweisen von Baumhabitaten und Totholz-Gebieten. Da gibt es viele Möglichkeiten“, sagt er. Große wünscht sich, dass die Naturlandschaft für die Menschen erlebbar wird — mit einem Informationszentrum auf dem Wustrower Hals, dem Zugang zur Halbinsel und behutsam ausgebauten Rad- und Wanderwegen. „Daran denke ich sehr oft“, sagt der Mann, der schon so viele Jahre für den Naturschutz auf der Halbinsel unterwegs ist.

Buch-Tipp: Dr. Klaus Große, Wustrow — Das Paradies in der Warteschleife, 19,90 Euro, Persimplex-Verlag.

ISBN: 978-3-86440-162-6




Halbinsel Wustrow

Opposition ist sich sicher: Fundus hat sich als Käufer disqualifiziert Von Claudia Schreyer, Schwerin

Ein Abschluß der Beratungen über den Verkauf der Bundesliegenschaft Halbinsel Wustrow in Mecklenburg-Vorpommern an die Kölner Fundus-Gruppe wurde im Haushaltsausschuß des Bundestages auf den nächsten Dienstag verschoben.

Eigentlich war der Vertragsabschluß zwischen dem Bundesfinanzministerium und Fundus mit den Stimmen der regierenden Koalition im Haushaltsausschuß bereits abgesegnet, als der haushaltspolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Oswald Metzger, mit überraschenden Neuigkeiten aufwartete: Fundus hat sich bereits eine Auflassungsvormerkung und damit als Eigentümer der Liegenschaft in das Grundbuch eintragen lassen. Dieser Vorgang stieß bei den Mitgliedern des Ausschusses einhellig auf Empörung, die Parlamentarier fühlten sich übergangen, machten den Beschluß rückgängig und vertagten eine Entscheidung.

Nach Ansicht von SPD, Bündnisgrünen und PDS hat sich Fundus endgültig als Käufer für Wustrow disqualifiziert; die Oppositionsparteien fordern eine neue Ausschreibung des Objekts. Schon beim Zustandekommen des Vertrages gab es viele Ungereimtheiten. So war die TLG-Entscheidung, Wustrow an Fundus zu verkaufen, entgegen dem einstimmigen Votum des Vergabeausschusses und dem erklärten Willen der Bevölkerung in der Region erfolgt.

»Wir wurden von der Entscheidung völlig überrumpelt, nicht einmal offiziell informiert«, sagt der Bürgermeister der unmittelbar betroffenen Stadt Rerik, Wolfgang Gulbis; und gegen die ursprüngliche Absicht wurden auch Flächen des Naturschutzgebietes mit versilbert. Die Menschen vor Ort favorisieren nach wie vor das Konzept von »Archi Nova«, einem Bewerber, mit dem die Verhandlungen schon recht weit vorangeschritten waren. Dieser setzt auf den sanften Tourismus, eine nachhaltige Entwicklung der Erholungslandschaft. »Rerik und der gesamten Region sollte Gelegenheit gegeben werden, in einer Anhörung vor dem Haushaltsausschuß unsere Sicht der Dinge darzulegen«, wünschte sich der stellvertretende Bürgermeister Reriks, Werner Blume.

Die Fundus-Gruppe will auf Wustrow ein Nobelbad errichten, wie sie es bereits in der Nachbarschaft, in Heiligendamm, vorhat. Hier geht es jedoch nur schleppend voran; immer hartnäckiger und lauter werden die Gerüchte, daß die Mittel für das ehrgeizige Projekt längst nicht da sind. Jetzt muß Fundus erst einmal die Gemüter der Parlamentarier in Sachen Wustrow beruhigen: Die Eintragung ins Grundbuch sei auf Wunsch des Bundes erfolgt, erklärte ihr Sprecher Michael Rabe. Dieser habe sicherstellen wollen, nach der Vertragsgenehmigung baldmöglichst an den Kaufpreis heranzukommen. Würde der Vertrag nicht genehmigt, verlöre der Eintrag automatisch jede Bedeutung. Völlig unabhängig davon sei jedoch am Donnerstag dem Bundesfinanzministerium eine Löschungsbewilligung übergeben worden.